Wechsel kommt Kunden teuer zu stehen

Bei den privaten Versicherern ist das gegenseitige Abwerben von Kunden Routine, aber oft mit Nachteilen verbunden. Die Politik will die Position der Versicherten verbessern

VON Ilse Schlingensiepen, Köln Im Konkurrenzkampf mit den privaten Krankenversicherern (PKV) nutzen die gesetzlichen Krankenkassen ein Argument besonders gern: Sie verweisen darauf, dass ein Wechsel des Anbieters im öffentlich-rechtlichen Kassensystem für Kunden einfacher ist als im privatwirtschaftlichen PKV-System. In der PKV haben Kunden oft finanzielle Nachteile, wenn sie sich ein neues Unternehmen suchen. Denn die angesparten Alterungsrückstellungen können sie nicht mitnehmen. Auch die erneute Risikoprüfung und das höhere Eintrittsalter machen den Wechsel teurer – in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) werden die Beiträge dagegen nach einem festen Satz, unabhängig von der Person erhoben.

In der PKV fließt ein Teil der Beiträge in die Alterungsrückstellungen. Sie dienen dazu, die durch steigende Krankheitskosten bedingten Prämiensteigerungen im Alter abzufedern. Da die Rückstellungen beim Versicherer bleiben, muss ein Kunde genau prüfen, ob sich die Suche nach einem neuen Anbieter tatsächlich rechnet.

Dennoch ist die Zahl derer groß, die diesen Schritt vollziehen. Nach Angaben des PKV-Verbands entfällt ein Drittel des Neugeschäfts in der Vollversicherung auf den Wechsel innerhalb der PKV. Nicht nur die Unzufriedenheit von Versicherten mit ihrer Gesellschaft ist Grund für diese Wanderungen, sondern auch das heftige Werben der Vertriebe. Die Unternehmen sind auf einen ständigen Zufluss neuer Kunden angewiesen, denn sie müssen regelmäßig den Wegfall großer Versichertenzahlen kompensieren. Gerade ältere Gesellschaften verlieren viele Kunden durch Tod, andere müssen zurück in die GKV, weil sie als Angestellte nicht mehr genug verdienen. Bei sinkenden Versichertenzahlen gehen die Kosten aber nicht im Gleichschritt zurück – die Kostenquoten der Unternehmen steigen, ihre Position im Wettbewerb verschlechtert sich.

Gegen die lange von Politikern und Verbraucherschützern erhobene Forderung, Kunden die Alterungsrückstellungen mitzugeben, haben sich die Versicherer immer vehement gewehrt. Das sei versicherungstechnisch nicht darstellbar. Außerdem ist in die Tarife einkalkuliert, dass eine gewisse Zahl von Kunden geht und die Rückstellungen hinterlässt. Entfällt dieser Mechanismus – die so genannten Stornogewinne – steigen die Beiträge. Das schadet zumindest in der Übergangsphase.

Die Versicherer schreiben die Alterungsrückstellungen nicht dem einzelnen Kunden zu, sondern dem Tarifkollektiv. Verlässt der Versicherte das Unternehmen, bleiben dort die Alterungsrückstellungen. „Die private Krankenversicherung ist keine Sparkasse mit einem individuell zurechenbaren Guthaben“, sagte der Vorsitzende des PKV-Verbands Reinhold Schulte.

Die Regierung schafft jetzt Fakten. In den Eckpunkten zur Gesundheitsreform kündigt sie eine gesetzliche Regelung für „die Portabilität der individuellen Alterungsrückstellungen“ an, nicht nur für den Wechsel innerhalb der PKV, sondern auch zwischen PKV und GKV. Der letzte Punkt erzürnt die Branche besonders. „Es ist absurd, die Systeme so zu verknüpfen“, sagte PKV-Verbandsdirektor Volker Leienbach. Wenn die Politik – wider alle Kalkulationsgrundlagen – wolle, dass die Alterungsrückstellungen individualisiert werden, müsse sie auch konsequent sein. „Die künstlich individualisierte Rückstellung wird in der GKV wieder einem Kollektiv zugeführt“, sagte er.

Man werde rechtlich überprüfen lassen, ob ein solcher Schritt des Gesetzgebers überhaupt haltbar sei, kündigte der Vorstandsvorsitzende des PKV-Marktführers Debeka, Uwe Laue, an. „Wer von der GKV zu uns kommt, der bringt ja auch nichts mit.“ Geschädigt würde also einseitig das Tarifkollektiv der Privatversicherten, sagte Laue.

Zitat:

„Die private Krankenversicherung ist keine Sparkasse“ – PKV-Verbandsvorsitzender Schulte –

Bild(er):

Privatversicherer bieten einiges im Kampf um Kunden: einen adretten Arzt wie Udo Brinkmann aus der „Schwarzwaldklinik“, luxuriöse Krankenzimmer oder eine nette Krankenschwester wie Brinkmanns Kollegin Elke – Picture-Alliance/KPA; Martin Hangen; Teutopress

FTD-Reihe PKV Bisher ging es um die Besonderheiten der Branche und die Konkurrenz mit der gesetzlichen Krankenversicherung. Der vierte Teil handelt vom Verhältnis zu den Leistungserbringern. www.FTD.de/PKV

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit