Zu geringer Leidensdruck

Herbert Fromme K aum etwas ist schon so oft herbeigeredet worden wie die große Konsolidierungswelle in der deutschen Assekuranz. Berater, wir Journalisten, viele Manager selbst gingen immer wieder davon aus, dass es nun aber passieren würde – und die Zahl der Teilnehmer im fragmentierten deutschen Versicherungsmarkt endlich von mehr als 100 wichtigen Gruppen auf 20 bis 30 zusammenschnurren würde.

Tatsächlich gab es immer wieder wichtige Übernahmen und Fusionen, doch die Kleinteiligkeit des Marktes ist bis heute geblieben. Jetzt sehen wir wieder viel Bewegung. Talanx kauft Gerling, Axa erwirbt DBV Winterthur. Die Provinzial-Gruppen in Münster und Kiel haben fusioniert, ebenso die Sparkassenversicherer in Wiesbaden und Stuttgart, W&W hat die Karlsruher gekauft. Sind das die Vorboten der großen Welle, die über den Markt schwappen und zahlreiche kleinere Gesellschaften fortreißen wird?

Eher nicht, oder besser: noch nicht. Erstens geht es den meisten Unternehmen nach einigen Jahren hoher Preise in der Schaden- und Unfallversicherung und nach Überwindung der Kapitalmarktkrise vergleichsweise gut. Das heißt, dass die Verkäufer hohe Preise verlangen – höhere als die meisten Käufer zahlen wollen. Der Druck im Kessel muss erst noch steigen, die technischen Verluste vor allem in der Autoversicherung kräftig anwachsen, damit die Fußkranken um Aufnahme bitten und die Starken sie gnädig gewähren. Das gilt gerade für die Versicherungsvereine: Bei ihnen gibt es keine Aktionäre, die auf mehr Effizienz drängen könnten. Noch fühlen sich viele Manager allein wohl.

Zweitens muss die Zukunft der privaten Krankenversicherung in der Praxis geklärt sein. Sonst ist es schwer, einen Konzern mit privatem Krankenversicherer zu kaufen.

Drittens muss sich zeigen, ob der Allianz-Umbau etwas taugt. Es ist nicht sicher, dass der Marktführer danach wirklich gestärkt dasteht. Wenn ja, wird der Zwang zu Zusammenschlüssen bei den Kleinen stark zunehmen.

Herbert Fromme ist Versicherungskorrespondent der FTD.

Fromme.Herbert@ftd.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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