Agenturen strafen Scottish Re ab

Fitch senkt die Bewertung des Rückversicherers · Aktie steigt auf Grund von Übernahmehoffnungen

Von Herbert Fromme, Köln Der angeschlagene Rückversicherer Scottish Re hat gestern einen weiteren Rückschlag hinnehmen müssen. Die Rating-Agentur Fitch senkte ihre Einschätzung der Finanzstärke und Kreditwürdigkeit in den Junk-Bereich. Eine weitere Herabstufung sei möglich, so Fitch. Vorher hatten schon die Rating-Agenturen Standard & Poor’s (S&P) und Moody’s ihre Bewertung des bedeutenden US-Lebensrückversicherers drastisch abgesenkt – S&P in einem sehr seltenen Schnitt um drei Stufen auf „B+“ mit negativem Ausblick. Die Aktie, die seit Februar 72 Prozent verloren hatte, reagierte mit einem Plus von 2,6 Prozent auf 7,24 $ im Nachmittagshandel an der Wall Street. Offensichtlich machen sich Anleger Übernahmehoffnungen.

Die auf den Cayman Islands registrierte Gesellschaft reagierte vom Hauptsitz auf den Bermudas aus. „Das Unternehmen führt aktiv Diskussionen über Alternativen sowohl in Bezug auf das Kapital als auch auf die Liquidität“, sagte Interimschef Paul Goldean. Alle aktiven Rückversicherer des Konzerns seien besser als nötig kapitalisiert.

Scottish Re sucht zurzeit einen Käufer oder Investor. In Versicherungskreisen werden Münchener Rück, Hannover Rück, US-Rückversicherungsgesellschaften und Hedge-Fonds als mögliche Käufer genannt.

Scottish Re hatte Ende Juli überraschend einen Nettoverlust von 122 Mio. $ für das zweite Quartal bekannt gegeben. Konzernchef Scott Willkomm trat zurück, die Rating-Agenturen senkten in einem ersten Schritt ihre Bewertung.

Die zweite Runde folgte auf die Bekanntmachung, dass Scottish Re unmittelbare Liquiditätsprobleme hat. Es gebe Zweifel, ob ein Bankenkonsortium zu der Zusage für eine Kreditlinie von 200 Mio. $ stehe, so S&P-Analyst Neill Strauss. Das Geld braucht Scottish Re aber dringend, um andere Schulden zu begleichen.

Scottish Re ist erst seit 1999 auf dem Markt. Das Bermuda-Unternehmen bot US-Lebensversicherern Rückversicherungsschutz an. In kurzer Zeit übernahm der Newcomer eine Reihe von Konkurrenten – 2001 die World-Wide Reassurance, 2003 die Lebensrückversicherung von Employers Re, die damals zu General Electric gehörte, und 2004 das Rückversicherungsgeschäft der ING-Gruppe. Gleichzeitig brachte es der Konzern zu starkem internen Wachstum. Ende 2004 stand er in der Statistik der US-Aktuarvereinigung auf Platz zwei der Lebensrückversicherer. Scottish Re ist auch heute einer der drei Marktführer.

Das Unternehmen hatte es immer schwer, sein rasches Wachstum mit entsprechendem Kapital zu unterlegen und musste mehrfach mit Anleihen die Kapitalmärkte anzapfen. Ein Kernproblem ist die Vorschrift, dass Rückversicherer mit Sitz außerhalb der USA für ihr US-Geschäft Sicherheiten stellen müssen.

Das eigentliche Geschäft der Scottish Re gilt bei Experten als gesund. Deshalb ist ein Verkauf sehr wohl möglich – gute Lebensrückversicherungsbestände werden von Anbietern wie Hannover Rück oder Münchener Rück gesucht. Dazu müssen sie nicht unbedingt die dazugehörigen Rückversicherungsgesellschaften kaufen. Sowohl Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard als auch Wilhelm Zeller, Vorstandsvorsitzender der Hannover Rück, haben den Zukauf von Lebensrückversicherungsbeständen als attraktive Expansionsmöglichkeit bezeichnet. Weltmarktführer Swiss Re dürfte dagegen mit der Übernahme der gerade gekauften GE Insurance Solutions genug zu tun haben. Eine Alternative wäre der Einstieg eines Hedge-Fonds. Die roten Zahlen bei Scottish Re und die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Verluste anfallen, könnte für einen US-Käufer steuerlich attraktiv sein.

Allerdings kosten Verkauf oder Investoreneinstieg wegen der Komplexität des Geschäfts Zeit. „Der Zeitrahmen für einen Verkauf ist sehr unsicher“, sagte Moody’s-Analyst Scott Robinson. „Es besteht die Möglichkeit, dass das Unternehmen sich frisches Geld sichert.“ Gelinge das aber nicht „in sehr kurzer Zeit“, werde eine weitere Herabstufung nötig. US-Marktteilnehmer sehen Ähnlichkeiten mit Annuity & Life Re. Der Lebensrückversicherer begann 1998 einen steilen Aufstieg und musste 2003 das Geschäft einstellen, weil er für das kapitalintensive Geschäft eindeutig unterkapitalisiert war.

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Unzureichende Absicherung: Das Urteil von Rating-Agenturen weckt massive Zweifel an der Finanzstärke des Rückversicherers Scottish Re

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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