Allianz-Gewinn begeistert die Börse

Rekordergebnis erhöht Rechtfertigungsdruck für Stellenabbau · Chef Diekmann sagt Hilfe bei Jobsuche zu

Von Herbert Fromme, Köln Der wegen der geplanten Streichung von 8200 Stellen in der Kritik stehende Allianz-Konzern hat starke Ergebnisse für das zweite Quartal vorgelegt und seine Gewinnerwartung für 2006 angehoben. Der Quartalsüberschuss stieg um 64 Prozent auf 2,3 Mrd. Euro. Vorstandschef Michael Diekmann zeigte sich optimistisch für das volle Jahr. „Wir gehen nach heutigem Stand im operativen Ergebnis von einer Zahl von über 9 Mrd. Euro aus und beim Überschuss von einer Bandbreite von 5,5 Mrd. bis 6 Mrd. Euro“, sagte er in einer Telefonkonferenz am Freitag. Die Börse reagierte positiv. Der Kurs stieg um 3,7 Prozent auf 127,93 Euro.

Die Ergebnisse sind umso beeindruckender, als sie Umstrukturierungskosten von 522 Mio. Euro für die deutschen Versicherungstöchter enthalten, die vollständig im zweiten Quartal verarbeitet wurden. Die Versicherer sollen 5000 Stellen abbauen, dazu kommen 700 Stellen bei der neu geschaffenen Vertriebsgesellschaft. Für den Stellenabbau von 2500 bei der Dresdner Bank wird der Konzern im zweiten Halbjahr 400 Mio. Euro zurückstellen. Andererseits konnte die Allianz einen Gewinn von 884 Mio. Euro vor Steuern aus dem Verkauf ihrer Anteile an Schering an Bayer verbuchen.

Die neuerlichen Rekordgewinne haben den öffentlichen Druck auf die Allianz weiter erhöht. Der Konzern steht in der Kritik von Mitarbeitern, Gewerkschaften und Politikern, weil er trotz der Gewinne 8200 Stellen abbauen will.

Die Protest zeigt Wirkung. Die Tatsache, dass Diekmann an der Telefonkonferenz zum Quartal teilnahm – normalerweise überlässt er das Controller Helmut Perlet – dürfte dem Rechtfertigungsdruck geschuldet sein, unter dem die Unternehmensführung steht. Diekmann verwies darauf, dass der Konzern den Mitarbeitern im Umbauprozess helfen wolle. Als Beispiel nannte er den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2007. Auch gebe es intern viele Möglichkeiten: „Was in der Diskussion draußen sehr kurz gekommen ist in der Vergangenheit, ist, dass wir allein in den nächsten zwei Jahren innerhalb der Allianz für die angestellten Vertriebsfunktionen rund 3000 Einstiegsmöglichkeiten schaffen.“ Die Allianz wolle möglichst viele dieser Stellen bevorzugt Mitarbeitern aus dem Innendienst anbieten, sagte Diekmann.

In diesem Bereich beschäftigt die Allianz zur Zeit rund 9000 Mitarbeiter. Es blieb unklar, wie weit Diekmann diese Zahl ausbauen will oder ob es sich bei den „1500 Einstiegsmöglichkeiten“ größtenteils um den Ersatz für Angestellte handelt, die diesen Bereich verlassen. Er hat eine Fluktuation von mehr als 1000 Mitarbeitern jährlich. Diekmann versprach weiter, dass der Konzern seine Kontakte zu anderen Unternehmen nutzen werde, um neue berufliche Perspektiven für Mitarbeiter zu schaffen.

Bei der Gewerkschaft Verdi machte er damit wenig Eindruck. Vorstandsmitglied Uwe Foullong warf ihm „unerträgliche soziale Verantwortungslosigkeit“ vor und forderte ein gesetzliches Kündigungsverbot für gut verdienende Unternehmen.

Diekmann reklamierte das Ergebnis als Beleg für den Erfolg seines Kurses. Es beruhe auf der „Drei plus eins“-Strategie. Der jetzt angestoßene Deutschland-Umbau sei notwendig, um den unterliegenden Faktoren, vor allem den Wachstumsproblemen, Rechnung zu tragen. Kunden verließen das Unternehmen wegen langer Bearbeitungszeiten, Problemen im Schadenfall und aus Preisgründen.

„Die Preissensitivität macht aber nur 30 Prozent aus“, sagte Diekmann. Es gehe beim gesamten Umbau um die Verbesserung der Kundenbindung.

Die Schaden- und Unfallversicherung blieb der wichtigste Gewinnlieferant. Hier erzielte der Konzern im zweiten Quartal 1,85 Mrd. Euro operatives Ergebnis, in der Lebens- und Krankenversicherung 527 Mio. Euro.

Auch die deutschen Töchter waren hoch profitabel. Sie verdienten 509 Mio. Euro, davon die Allianz Versicherung 350 Mio. Euro. Diese Werte erreichte die Gruppe mit dem alten Betriebsmodell, das Diekmann jetzt drastisch umbaut. Jeder Gewinneinbruch in den Jahren 2007 oder 2008 dürfte dem Konzernchef Rechtfertigungsprobleme bereiten.

In der deutschen Autoversicherung konnte der Konzern erneut zulegen, allerdings nur um rund 10 000 Fahrzeuge. Er hatte bereits 2005 den langjährigen Negativtrend gebrochen und die Stückzahl von 8,79 Millionen auf 8,89 Millionen gesteigert.

Zitat:

„Die Mitarbeiter haben anderthalb Jahre Zeit, sich auf die Veränderungen einzustellen“ – Allianz-Chef Michael Diekmann –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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