Unmoralische Angebote

Seinen Kunden versprach Klaus Thannhuber hohe Zinsen und traumhafte Renditen. Die vertrauten auf den guten Namen der Bank Reithinger. Der Chef vergnügt sich angeblich auf den Malediven, das Geldinstitut ist pleite, und die Kleinanleger bangen um ihr Erspartes

Von Verena Diethelm, Singen, Herbert Fromme, Köln, und Thomas Fromm, München Der Scherz ist gut gemeint: „Ihr hättet besser in Schnaps investiert. Der hätte euch 50 Prozent gebracht.“ Doch den Menschen vor dem Eingang der Privatbank Reithinger in Singen ist an diesem Vormittag nicht zum Lachen zumute. Zu ernst ist das, was sie da auf dem Zettel an der Glastür lesen müssen: „Die Verfügung von Girokonten ist uns derzeit untersagt worden, sodass weder Lastschriften noch Daueraufträge oder Barauszahlungen auf Konten gebucht werden können. Dieser Umstand kann sich unter Umständen vier bis sechs Wochen hinziehen. Wir bedauern dies.“

Die Rollläden sind geschlossen, die Telefone tot, und selbst der Internetauftritt der Bank existiert nicht mehr. „Der Berater bei der Volksbank hat mich noch gewarnt“, sagt eine fassungslose Kundin, „aber ich habe gedacht, der will nur ein Geschäft machen.“, Jetzt muss sie damit rechnen, dass von ihrem Ersparten nicht mehr viel übrig ist. Auch andere Kunden berichten von bösen Überraschungen. Einige scheiterten zu Monatsbeginn dabei, ihre Rente abzuholen, andere mussten den Urlaub abbrechen, weil ihre EC-Karte plötzlich nicht mehr funktionierte.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat der Privatbank Reithinger am vergangenen Mittwoch die Erlaubnis zum Betreiben von Bankgeschäften entzogen und außerdem ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot erlassen. Es bestehe die Gefahr, dass das Institut seine Verpflichtungen gegenüber seinen Gläubigern nicht erfüllen könne. Die dramatischen Ereignisse in der baden-württembergischen Provinz sind allerdings weniger das Ergebnis einer typischen Bankenpleite. Vielmehr sind es die Folgen des dubiosen Geschäftsgebahrens eines Mannes: Klaus Thannhuber, seit vier Jahren im Besitz der Bank, hat sich im Schatten des Geldinstituts ein unübersichtliches Unternehmensgeflecht gebastelt. Jetzt ist er damit gescheitert. Leiden müssen darunter die Kunden.

Mit hohen Zinsen von bis zu 4,7 Prozent und seinem guten Ruf lockte das Bankhaus seine Klienten an. Anfang 2005 schrieb das Anlegermagazin „Focus Money“ noch: „Zu den besten Angeboten gehören die Sparbriefe der Privatbank Reithinger.“ Das ließ viele Kleinanleger über das Risiko einer solchen Geldanlage hinwegsehen. Zahlreiche Rentner brachten ihre Ersparnisse zu der Privatbank. Jetzt stehen sie ohne Geld da und wissen nicht, wovon sie ihre Miete oder Krankenversicherung bezahlen sollen.

Die Einwohner der Kleinstadt vertrauten vor allem dem guten Namen der Familie Reithinger. Dass die Bank bereits Anfang 2002 den Besitzer gewechselt hatte, ist bei vielen nicht angekommen. Auch die Tatsache, dass das Geldinstitut vor vier Jahren aus dem Einlagensicherungsfonds ausgeschlossen wurde, hat die Kunden offenbar nicht stutzig gemacht. Dabei hätte schon ein bisschen Recherche genügt, um höchst Unerfreuliches über den neuen Besitzer Klaus Thannhuber in Erfahrung zu bringen. Sein Name ist in der Vergangenheit schon des Öfteren mit dubiosen Geschäften in Verbindung gebracht worden.

Auch diesmal hat der Geschäftsmann die Sache groß angelegt. Er nutzte das Institut als Instrument, um Finanzangebote zu kreieren, die er dann über zweifelhafte Vertriebskanäle veräußert. Thannhuber verkauft hochverzinsliche Sparpläne, Immobilienfonds und andere Verträge über Handelsvertreter, die zum Teil in Strukturvertrieben organisiert sind. Zu den berüchtigsten gehört die IFF AG, früher Futura Finanz, die bei Verbraucherschützern einen außerordentlich schlechten Ruf genießt.

Die Masche ist immer dieselbe: Ein Vertreter kommt ins Haus, bietet Fonds und Sparpläne mit traumhaften Renditen und irreführenden Bezeichnungen an. So tragen Reithinger-Produkte schöne Namen wie „Garantie-Sparplan FGS 25“. Von der Garantie ist allerdings nicht viel zu sehen: Seit die Bank 2002 aus dem Einlagensicherungsfonds flog, gilt nur noch die gesetzliche Einlagensicherung durch die Entschädigungseinrichtung deutscher Banken (EdB). Kunden erhalten so zwar 90 Prozent ihrer Einlagen zurück, allerdings maximal 20 000 Euro. Dazu kommt, dass der „Garantie-Sparplan“ rund 70 Prozent der Anlegergelder in andere Fonds investiert – oft aus der Firmengruppe rund um Thannhuber – die gar nicht von der Einlagensicherung erfasst werden.

Für die Vermittlungstätigkeit erhalten die Vertreter eine saftige Provision, die indirekt der Kunde zahlt. Die Verbraucherzentrale Hamburg nannte den Sparvertrag der Privatbank Reithinger „ein besonders dreistes Beispiel für Kosten-Abzocke“. Bei einem von den Verbraucherschützern untersuchten Sparvertrag behielt die Bank gleich 23 Prozent der einzuzahlenden Summe als Verwaltungskosten ein.

Für Schlagzeilen sorgt auch die 1990 von Thannhuber gegründete Deutsche Beamtenvorsorge Immobilienholding AG (DBVI), die über Vertreter Anteile an Fonds und Aktien an der DBVI verkaufte. Die Firma hat so rund 35 000 Aktionäre gewonnen, weitere 13 000 Geldgeber beteiligten sich an geschlossenen Immobilienfonds. Seit 2001 macht das Unternehmen Verlust. Der Verkauf eines Kreditportfolios durch die Aachen-Münchener-Gruppe an die Investmentbank Lehman Brothers führte 2005 zu einer Neubewertung der DBVI-Immobilien. Das Ergebnis: Das Unternehmen musste 24 Mio. Euro abschreiben. Mit waghalsigen Manövern unter Einbeziehung seiner Bank versuchte Thannhuber, die Probleme zu lösen.

Mit dem Eingreifen bei der Reithinger Bank will BaFin-Präsident Jochen Sanio gegen das ganze Geflecht vorgehen, das Thannhuber errichtet hat. „Diese Institution wird beißen, solange ich hier Präsident bin“, sagte Sanio. Verstrickungen wie im Fall der Reithinger Bank sind keine Einzelfälle mehr. Thannhubers Imperium ist nicht das einzige seiner Art. Auch bei der von Anlegerschützern ähnlich scharf kritisierten Göttinger Gruppe ist die BaFin schon hellhörig geworden, scheiterte aber daran, dass Staatsanwälte keine strafbaren Handlungen erkennen konnten.

So zieht der Fall weiter seine Kreise. Selbst in München wird die Schließung des Bankhauses Reithinger mit besonderem Interesse verfolgt – denn sie könnte eines der städtebaulich wichtigsten Prestigeobjekte der Stadt mit in die Tiefe ziehen: Die Schrannenhalle, gleich hinter dem Münchner Viktualienmarkt, 1850 als Getreidehalle erbaut, war erst im vergangenen Jahr nach einem umfassenden Neuaufbau als Veranstaltungshalle wiedereröffnet worden. Hauptverantwortlicher des in der bayerischen Hauptstadt höchst umstrittenen Projekts: Klaus Thannhuber, Geschäftsführer der Schrannenhalle-Betreibergesellschaft, die zu seiner Gesellschaft Deutsche Beamtenvorsorge Immobilien AG gehört. 35 Mio. Euro hat der Investor in den Wiederaufbau einer Halle investiert, die Kritiker bisweilen als „architektonisches Monstrum“ bezeichnen. Fazit der städtischen Kulturverantwortlichen und Schrannenhallen-Anwohner: zu viel Lärm, zu viel Kommerz, zu viel Müll, zu viele weggeworfene Kondome, zu wenig Kultur – und kommerziell dennoch recht erfolglos.

Die Geschichte von Thannhubers Schrannenhalle geht in München inzwischen als oberbayerische Soap-Opera durch. Jahrelange Rechtsstreitigkeiten, Querelen mit Architekten, Bauverzögerungen – im Mai 2004 schließlich verklagte die Stadt den Schrannenhallen-Investor auf die Zahlung von 1,4 Mio. Euro. Da ermittelte die zuständige Staatsanwaltschaft bereits wegen Anlagebetrugs gegen den findigen Investor aus dem bayerischen Straubing.

Nun wird Thannhuber zu einem Politikum: Die CSU forderte in einem Brief an Oberbürgermeister Christian Ude die Trennung der Stadt vom Schrannenhallen-Zampano. „Es ist abzusehen, dass sich in der Folge weitere negative Auswirkungen auf den Betrieb der Schrannenhalle, aber auch auf die Zahlungsfähigkeit des Herrn Thannhuber ergeben“, so die CSU in ihrem Schreiben.

Auch in Singen haben sich die Wogen längst noch nicht geglättet. Zwar haben die übrigen Singener Banken für die betroffenen Kunden bereits ein Notprogramm entwickelt, um ihnen aus der finanziellen Schieflage zu helfen. Doch der Schock sitzt noch tief. Zum Beispiel bei Manfred Reithinger, den mit dem Bankhaus nur noch der gemeinsame Name verbindet – leider, wie er sagt. Seine Familie hatte 2002 die Bank verkauft, aber das Immobilien- und Versicherungsgeschäft behalten. Und nun befürchtet er negative Auswirkungen, wenn besorgte Kunden sein Büro mit der Pleitebank in Verbindung bringen.

Nur einen scheint die Sache bisher kalt zu lassen. Klaus Thannhuber hat sich zu den Ereignissen noch nicht geäußert. Zurzeit befindet er sich angeblich auf den Malediven, danach soll es mit seiner Yacht „Aios“ nach Griechenland gehen. Finanzielle Nöte scheint er noch nicht zu haben. Er hat sein Konto offenbar bei einer anderen Bank.

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Verlockende Versuchung: Mit Zinsangeboten wie in dieserfingierten Anzeige lockte das Bankhaus seine Kunden

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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