Allianz sucht Augenhöhe mit AIG

Konzern will bei Industriegeschäft zu Weltmarktführern aufschließen · FTD-Gespräch mit Vorstand Booth

Von Herbert Fromme, London Die Allianz sieht sich künftig in einer Liga mit den Weltmarktführern AIG und Zurich bei der Versicherung von global arbeitenden Konzernen. „Bisher ist die Allianz in diesem Feld zwar ordentlich vertreten, aber nicht riesig“, sagte Holding-Vorstandsmitglied Clement Booth im FTD-Interview. „Wenn die Allianz ihr Gewicht als Weltmarktspieler hier aber richtig einsetzt, gibt es sehr viel Spielraum nach oben.“

Der Konzern baut das weltweite Industriegeschäft gerade grundlegend um. Bisher war die Allianz Global Risks (AGR) eine Art virtuelle Versicherung, die Großkonzernen mittels der Allianz-Landesgesellschaften Versicherungsschutz anbot. Künftig ist sie selbst als Risikoträger tätig. Außerdem hat der Konzern den Luftfahrt- und Transportspezialisten Allianz Marine & Aviation mit der AGR verschmolzen und so die Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) geschaffen.

Von den Stellenstreichungen bei der Allianz Deutschland sei das Unternehmen nicht betroffen. „Auch wir wollen die Kostenbasis zwar etwas senken, aber darum geht es bei dem Umbau nicht“, sagte Booth. Bisher sei das Potenzial in dem Segment durch die Struktur verwässert worden, sagte Booth. „Weil wir mit dem Ländermodell arbeiteten, konnten wir nur schwer gegen die Global Player unter den Versicherern antreten.“

Jetzt seien Großkonzerne sehr daran interessiert, mit ihm und AGCS-Chef Axel Theis zu sprechen. „Theis kann jetzt einen globalen Abschluss liefern, er muss sich nicht vorher mit einer Reihe von Konzernunternehmen abstimmen.“ Die wichtigsten Wettbewerber im Weltmaßstab seien der US-Versicherer AIG und die Schweizer Zurich-Gruppe. „Andere Versicherer wie Chubb haben Nischen entwickelt, Factory Mutual hat sehr viel Kompetenz über Industrieunternehmen angesammelt.“ In Deutschland sei HDI Gerling der wichtigste Konkurrent. Es gebe genügend Wettbewerber. „Aber der Markt ist nicht gerade überfüllt.“ AIG sei ein wichtiger Konkurrent, der alle auf Trab halte. „Wir werden AIG auf Trab halten.“

AGCS erwartet Prämieneinnahmen von 2,7 Mrd. Euro für 2006 und einen „ordentlichen Gewinn“, sagte Booth. „Ob wir in drei Jahren vier, fünf oder sechs Milliarden Prämie haben, ist nicht sehr wichtig. Der Gewinn ist wichtig. Wir haben keinerlei Wachstumsziele“, sagte Booth. Die Allianz wolle aber in keinem Markt agieren, in dem sie nicht eine führende Rolle spielen könne. „Führend heißt nicht, dass wir 60 Prozent haben. Führend heißt, dass wir Risiken als führender Versicherer abdecken können.“

Booth sieht keine Gefahr, dass der Konzern sich nach Großschäden oder nach einem schlechten Jahr aus der Industrieversicherung zurückzieht. „Der eigentliche Trick besteht darin, nach einem Volltreffer im Markt zu bleiben“, sagte er. Nach einem Großschaden gingen die Preise nach oben und nur langsam – über drei bis fünf Jahre – wieder nach unten. „Wenn man Geld verdienen will, muss man sein Geschäft dann ausbauen, wenn die Preise hoch sind.“

Wer kein volatiles Geschäft wolle, dürfe keine Industrieversicherung betreiben, sagte Booth. Konzernchef Michael Diekmann mache sich keine Sorgen wegen der Schwankungen. „Ihm geht es darum, dass wir genau wissen, welche Risiken wir übernehmen, wie hoch wir exponiert sind“, sagte Booth. Gesellschaften zukaufen will er nicht. „Dafür gibt es keinerlei Bedarf.“ An Bestandsübernahmen sei er dagegen immer interessiert.

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Weltbürger: Allianz-Vorstand Clement Booth mit Sitz in London und München ist verantwortlich für die Industrieversicherung von Kunden, die über 500 Mio. Euro EuroUmsatz erreichen – Daniel Lynch

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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