Gerling-Kleinaktionäre verlangen mehr Geld

Hauptversammlung streitet über Squeeze-out

Von Herbert Fromme, Köln Proteste gegen das vorgesehene Herausdrängen der Kleinanleger haben gestern die voraussichtlich letzte Hauptversammlung der Versicherungsgesellschaft Gerling-Konzern Allgemeine (GKA) geprägt. Zwischenrufe wie „Schiebung“, „Betrüger“ oder „Behandlung nach Gutsherrenart“ waren zu hören. Bei Redaktionsschluss dauerte die Versammlung noch an.

Die Zwischenholding Gerling Beteiligungs-Gesellschaft (GBG), die wiederum zu 100 Prozent der Hannoveraner Talanx-Gruppe gehört, verlangt den Squeeze-out. Sie will GKA mit den HDI-Versicherern verschmelzen. Talanx hatte im November 2005 den Gerling-Konzern übernommen, der Deal wurde im Mai 2006 wirksam.

Talanx hält über die GBG 95,48 Prozent der GKA-Aktien. Den Minderheitsaktionären bietet sie 5,47 Mio. Euro pro Aktie oder insgesamt 55,6 Mio. Euro. Ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer Susat & Partner, das Aktionäre scharf angriffen, bezifferte den Unternehmenswert sogar nur mit 1,05 Mrd. Euro oder 4,70 Euro pro Aktie. Die Aktie ging gestern mit 6,70 Euro aus dem Handel. Offenbar hoffen Anleger auf Nachbesserung.

Aktionärsvertreter griffen das Angebot heftig an. „Das ist ein viel zu niedriger Abfindungspreis“, sagte Christoph Öfele von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Der Squeeze-out werde auf jeden Fall ins Spruchstellenverfahren gehen – der gesetzlich vorgeschriebenen gerichtlichen Schlichtung. „Mal sehen, was der Tag so bringt, vielleicht ergibt sich da auch noch eine Anfechtungsmöglichkeit.“

Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz verlangte, dass zumindest der Durchschnittskurs der drei Monate vor der Hauptversammlung gezahlt wird, das wären 6,90 Euro. GKA-Vorstandschef und Talanx-Vorstand Christian Hinsch hielt dagegen an den 5,47 Euro fest. Das war der Schnitt in den drei Monaten vor dem 2. Mai, als die Gerling-Übernahme wirksam wurde.

Die Sprecher wollten die Versammlung durch lange Fragenlisten möglichst bis nach 24 Uhr ausdehnen, dann wäre eine Wiederholung fällig. Gleichzeitig versuchten sie, der Versammlungsleitung und dem Mehrheitsaktionär Formfehler nachzuweisen, die für eine Anfechtungsklage reichen. In beiden Fällen geht es ihnen darum, so viel Druck auf Talanx auszuüben, dass der Hannoveraner Konzern ein höheres Angebot macht.

Aktionär Hans Wilhelm Völler machte auch klar, wo das Angebot des Konzerns liegen sollte – bei 10 Euro bis 11 Euro. „Das ist eine Frage des Anstands“, sagte er. Der Saarbrücker Aktionär Manfred Klein, der durch zahlreiche Zwischenrufe auffiel, beantragte die Abwahl des Aufsichtsratsvorsitzenden Wolf-Dieter Baumgartl als Versammlungsleiter. Der Antrag wurde mit 98,55 Prozent der anwesenden Stimmen abgelehnt.

Zitat:

„Das ist eine Frage des Anstands“ – Aktionär HansWilhelm Völler –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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