Ökonomen schlagen alternative Gesundheitsreform vor

Wissenschaftler wollen gesetzliche und private Kassen zu Einheitsversicherung verbinden · Neues System würde Gutverdienende belasten

Von Ilse Schlingensiepen, Köln Mit einem eigenen Modell haben sich vier Wissenschaftler in die Debatte über die Gesundheitsreform eingeschaltet. Sie wollen alle Versicherten an der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) beteiligen. Mit steigendem Einkommen soll aber der Leistungsanspruch sinken, die Lücke müssten Versicherte in der kapitalgedeckten privaten Krankenversicherung (PKV) füllen.

Der Vorschlag von Dirk Henke, Bernd Hof, Matthias Graf von der Schulenburg und Jürgen Wasem vereint Elemente von Bürgerversicherung und Gesundheitsprämie. „In unserem Modell gibt es eine Versicherungspflicht für alle Bürger mit allen Einkommensarten“, sagte Hof gestern bei der Vorstellung in Köln. Die Experten schlagen vor, dass jeder Versicherte drei Prozent des zu versteuernden Einkommens in die GKV einzahlt. Die Arbeitgeber zahlen sieben Prozent auf die Arbeitsentgelte, Selbstständige sieben Prozent des Einkommens.

Bis zu einem Jahreseinkommen von 10 000Euro haben die Versicherten Vollschutz im GKV-System. Danach sinkt der Leistungsanspruch stufenweise bis auf fünf Prozent bei 60 000 Euro Einkommen. Versicherte müssen die Versorgungslücken in der PKV abdecken, die deshalb einen der GKV vergleichbaren Basistarif vorhalten muss. Das für die PKV typische System der Alterungsrückstellungen wird beibehalten. In beiden Systemen gäbe es einen Annahmezwang, die Versicherten hätten die freie Wahl des Anbieters.

Voraussichtlich ab 2020 müssten Versicherte eine zusätzliche Kopfpauschale an die GKV zahlen, sagte Hof. Für Gutverdiener würde das Modell im Vergleich zum heutigen System deutlich teurer.

Der Vorstandsvorsitzende der privaten Continentale Krankenversicherung, Rolf Bauer, kann dem Modell im Vergleich zu den Eckpunkten der großen Koalition gute Seiten abgewinnen. „Es würde uns helfen, unsere Zukunft zu sichern“, sagte er. Auch würde der Anteil der Kapitaldeckung ausgebaut. Der Direktor des PKV-Verbands, Volker Leienbach, ist skeptischer. „Die PKV würde zum Restkostenversicherer“, sagte er. Die Bemessung der GKV- und PKV-Beiträge müsste sich bei jedem Einkommenswechsel ändern. „Das ist administrativ nicht zu stemmen“, so Leienbach.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit