Bermuda lockt mit Steuervorteilen

Rückversicherer schätzen Nähe zum amerikanischen Markt und einfachere Aufsicht

Von Herbert Fromme Robert Hiscox teilte dem britischen Versicherungsmarkt die schlechte Nachricht ausgerechnet am 11. September 2006 mit. Die 1946 gegründete, international tätige Versicherungsgruppe Hiscox wird ihre Hauptverwaltung von London nach Bermuda verlegen. Hiscox erwartet eine ähnliche Besteuerung wie der in Bermuda ansässige Konkurrent Catlin – er weist eine Steuerlast von elf Prozent aus, Hiscox zahlt in Großbritannien rund 30 Prozent. Ein weiterer Grund sei die einfachere Aufsicht auf der Atlantikinsel, fügte Hiscox hinzu.

Hiscox ist nicht der erste Londoner Versicherer, der nach Bermuda umzieht. London und Bermuda haben eine heftige Rivalität entwickelt, wenn es um Versicherungskapital geht. Die Insel bietet neben Steuervorteilen die Nähe zum US-Markt, der für international agierende Gesellschaften immer noch der wichtigste der Welt ist.

Die 41 Bermuda-Gesellschaften mit einem Kapital von jeweils mehr als 500 Mio. $ sind nur zum kleineren Teil von europäischen Geldgebern kapitalisiert worden. Vor allem US-Anleger hoffen auf hohe Erträge, die Mehrzahl der Anbieter ist in den USA börsennotiert. Die Bermuda-Versicherer haben mehr als 70 Mrd. $ an Kapital – auf einer Insel mit 65 000 Einwohnern. Die 22 größten Gesellschaften, die in der Association of Bermuda Insurers and Reinsurers zusammengeschlossen sind, verzeichneten 48 Mrd. $ an Kapital und Prämieneinnahmen von 56 Mrd. $ im Jahr 2005. Zum Vergleich: Swiss Re kam auf 23 Mrd. $ Prämien, die Münchener Rück auf 24 Mrd. $, der gesamte Weltmarkt dürfte kaum 170 Mrd. $ überschreiten.

Die erste internationale Gesellschaft auf Bermuda gründeten 16 Ölfirmen im Jahr 1972. Die Insel ist von den USA aus in einer Flugstunde erreichbar, internationale Geschäfte sind weitgehend steuerfrei, und die britische Kolonie bietet politische Stabilität. In den 80er-Jahren kam es zur ersten Welle von Neugründungen: In den USA fanden Unternehmen im Gefolge der Asbestkrise kaum noch Haftpflichtdeckungen. Mit Hilfe von Großmaklern gründeten sie 1986 selbst Versicherer, um den Notstand zu beheben. Damals wurde Ace gegründet, einer der größten Bermuda-Versicherer mit starker Präsenz auch in Deutschland. Exel, jetzt XL Capital, stammt ebenfalls aus dieser Generation.

Der nächste Neugründungsjahrgang folgte Hurrikan „Andrew“, der 1992 tobte. Dieser „Jahrgang 1993“ bestand aus acht Gesellschaften, von denen noch drei selbstständig tätig sind. Nach dem 11. September 2001 gab es sieben Neugründungen, die letzte Welle folgte Hurrikan „Katrina“ – diesmal auch mit größerer Beteiligung von Hedge-Fonds als Kapitalgeber. „Oft sind es dieselben Investoren, die in den verschiedenen Jahrgängen investiert haben“, sagte Michael Butt, seit 1992 als Rückversicherer auf der Insel und einer der Veteranen. 1992 half er, Midocean Re zu gründen, heute betreibt er Axis Re.

Inzwischen sind auch die meisten großen internationalen Gesellschaften mit Töchtern auf Bermuda präsent, einschließlich Allianz, Münchener Rück und Hannover Rück. Umgekehrt haben die noch bestehenden Bermuda-Versicherer ihre jeweiligen Nischen lange verlassen und Büros in London, Zürich oder Dublin eröffnet. Sie suchen den Ausgleich für die hohen US-Katastrophenrisiken, die sie abdecken. Da sind Europa und Asien die natürlichen Ziele und die dortigen Platzhirsche die natürlichen Konkurrenten.

Zitat:

„Oft sind es dieselbenInvestoren“ – Michael Butt, Axis Re –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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