Die Angst vor den großen Unbekannten

Nichts ist schlimmer für Rückversicherer, als Risiken falsch einzuschätzen oder nicht zu erkennen. Sie müssen mögliche Bedrohungen, die Emerging Risks, schnell identifizieren

Niemand weiß, ob und welche Mega-Schäden auf die Versicherer warten. Technischer Fortschritt und Änderungen der gesellschaftlichen Werte bergen Risiken, die vielleicht zu erahnen, aber noch nicht beweisbar sind. Trotzdem müssen Rückversicherer diese sogenannten Emerging Risks in den Griff bekommen.

„Emerging Risks sind Risiken, die man am Horizont heraufziehen sieht“, erklärt Christian Lahnstein, Leiter der Abteilung Risk, Liability & Insurance beim Rückversicherer Münchener Rück. Bei vielen Erscheinungen ist schwer zu bestimmen, ob sie gefährlich werden oder harmlos bleiben. Genau das ist für die Assekuranz das Problem. „Es ist nicht beweisbar, dass etwas keinen Schaden anrichten wird“, sagt er.

Das Thema Emerging Risks wird für Rückversicherer immer wichtiger. Der technische Fortschritt galoppiert, Gefahren sind schwer zu erkennen. In den Verträgen gewähren Versicherer eine Deckung für alle Risiken bis auf die ausdrücklich ausgeschlossenen, also auch für unbekannte. Neue Gefahren treffen Rückversicherer besonders hart. Denn bei ihnen sammeln sich die Risiken ihrer Kunden, der Erstversicherer.

Die Bandbreite der potenziellen Gefahren ist groß. Manche sind zwar bekannt, entwickeln aber ungeahnte Dimensionen. Terror gehört zu den lange unterschätzten Risiken. Der Rückversicherer Swiss Re arbeitet mit einer Liste von 50 Emerging Risks im engeren und mehr als 100 im weiteren Sinne – sie reichen von Antibiotikaresistenz über Klimaveränderungen und Passivrauchen bis zu IT-Risiken.

Die Sensibilität der Versicherer für unerkannte Gefahren hat eine teure Vorgeschichte: Asbest. Erste Warnungen vor den gesundheitsschädigenden Auswirkungen von Asbest gab es schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Trotzdem wurden die Fasern über Jahrzehnte in fast allen Industriezweigen verarbeitet. Mitte der 80-er Jahre kam es zu einer ersten Welle von Haftungsklagen. Erst danach haben Rückversicherer Asbestrisiken ausgeschlossen. Allein in den USA hat die Assekuranz bislang 135 Mrd. Euro für Asbestschäden gezahlt, weitere Zahlungen in dreistelliger Milliardenhöhe stehen an.

So etwas wollen die Versicherer künftig vermeiden. Aber sie wissen nicht, was ein ähnliches Schadenspotenzial haben könnte. Als Kandidaten gelten elektromagnetische Felder, die landwirtschaftlich genutzte Gentechnik und die Nanotechnologie. Viele Menschen sind davon überzeugt, dass elektromagnetische Felder, etwa von Handys oder Starkstrommasten, krank machen, belegt ist das nicht. Nahrungsmittel aus erbgutveränderten Pflanzen sind umstritten – niemand kann beweisen, ob mit oder ohne Grund. Medizin und Industrie setzen große Hoffnungen in die Nanotechnologie. Nanoroboter können vielleicht eines Tages im menschlichen Körper Reparaturen vornehmen. In der Industrie gibt es ein breites Anwendungsspektrum, das von Reinigern über Kleidung bis hin zu Lebensmitteln reicht. Aber niemand weiß, ob und unter welchen Umständen aus den kleinen Partikeln Giftzwerge werden.

„Es geht nicht darum, dass wir solche Risiken nicht wollen“, betont Annabelle Hett vom Rückversicherer Swiss Re. Aber: „Wir wollen Emerging Risks mit Bewusstsein nehmen.“ Und die Rückversicherer möchten erreichen, dass auch ihre Kunden diese Risiken wahrnehmen. „Wenn man ein Risiko nicht kennt, ist man auch nicht bereit, einen Preis dafür zu zahlen.“ Swiss Re, Münchener Rück und andere große Rückversicherer beschäftigen Spezialistenstäbe, die neue Risiken identifizieren und quantifizieren. „Dann können wir auch ein Preisschild an ein Risiko hängen“, sagt Hett.

Bei der Analyse klassischer Risiken wie in der Autoversicherung stehen den Experten Daten über Schäden aus der Vergangenheit zur Verfügung, bei neuen Risiken nicht. „Wenn wir bei den Emerging Risks mit den klassischen Modellen arbeiten würden, müssten wir auf Schäden warten und erst danach mit dem Pricing beginnen“, sagt Hett. „Aber wir können nicht warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist.“ Deshalb simulieren die Experten mögliche Schadenszenarien.

Swiss Re und andere Anbieter wollen erreichen, dass die Assekuranz künftig bei diesem Thema mit einer gemeinsamen Position auftritt. Sieben Rück- und große Erstversicherer haben eine Initiative zu Emerging Risks gegründet. Diese will eine Broschüre herausgeben, in der Gefahren aufgelistet und Vorschläge für den Umgang damit gemacht werden.

Bei der Bewertung der neuen Risiken geht es nicht nur um naturwissenschaftliche Fakten. „Ob etwas als Gefahr eingeschätzt wird, ist sehr subjektiv“, sagt Lahnstein von der Münchener Rück. „Rückversicherer müssen auch gesellschaftliche Entwicklungen im Auge behalten.“ Deshalb sind auch Sozialwissenschaftler und Soziologen in die Risikobeobachtung involviert. Ob etwas als Gefahr angesehen wird, ist in vielen Fällen eine Frage der gesellschaftlichen Wertung – nicht der wissenschaftlichen Faktenlage. Rückversicherer müssen also nicht nur wirkliche Gefahren rechtzeitig erkennen, sondern auch Stimmungen. Öffentliche Aufregung über tatsächliche oder vermeintliche Risiken kann zu einem erhöhten Schadenaufkommen führen. Sind neue Technologien umstritten, ist die Gefahr von Haftungsklagen viel größer als bei akzeptierten Verfahren. Die Münchener Rück arbeitet an einer Studie zu den unterschiedlichen gesellschaftlichen Einschätzungen der grünen Gentechnik und der Nanotechnologie. In den USA etwa gibt es lautstarke Nanotechnologie-kritische Nichtregierungsorganisationen, in Deutschland nicht.

Auch die Swiss Re sieht den gesellschaftlichen Wertewandel als Herausforderung. „Wir haben es nicht nur mit harten Fakten zu tun, sondern mit der Wahrnehmung der Konsumenten“, sagt Hett. Und die werden gegenüber Herstellern und Produkten immer kritischer.

Bild(er):

Die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon führten zum bislang drittgrößten Versicherungsschaden der Geschichte. Versicherer zahlten mehr als 20 Mrd. Dollar, etwa für Schäden an Gebäuden, für die Flugzeuge, für Haftpflichtansprüche von Hinterbliebenen und für Betriebsunterbrechungen – AP /Cho Soi Cheong

Anja Krüger

Quelle: Financial Times Deutschland

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