Experten für Wind, Atomkraft und Biomasse

Mecklenburg-Vorpommern nutzt erfolgreich erneuerbare Energien und gilt als Vorreiter im Abbau von Atomkraftwerken. Das Know-how ist im Ausland begehrt und wird daher vielfach exportiert

VON Patrick Hagen Es war für Gerhard Schröder ein Auftritt wie zu Bundeskanzlerzeiten. Umgeben von Journalisten und hochrangigen Gästen besuchte er am 4. September das Seebad Lubmin, wo die geplante deutsch-russische Gaspipeline enden soll. Schröder ist Vorsitzender des Aktionärsausschusses von Nord Stream, jenem Unternehmen, das die Gasleitung bauen soll und das 2005 als North European Gas Pipeline (NEGP) gegründet wurde.

Gleichzeitig soll ein neues Gas- und Dampfturbinenkraftwerk in Lubmin entstehen. Beides macht die Region für Industriebetriebe mit hohem Stromverbrauch interessant. „Viele Unternehmen spekulieren auf günstige Gaspreise“, sagt Graham Butt vom Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern.

Lubmin war in den 70er Jahren schon einmal ein wichtiger Energiestandort. Ein Atomkraftwerk sowjetischen Typs lieferte bis zu elf Prozent des in der DDR benötigten Stroms. Das AKW wurde nach 1990 abgeschaltet und wird gerade abgerissen. Rund 1000 Mitarbeiter der Energiewerke Nord (EWN) arbeiten noch auf dem Gelände. 2013 soll der Rückbau beendet sein.

Die EWN-Mitarbeiter sind inzwischen weltweit gefragte Fachleute für den Rückbau von Atomanlagen. Sie wenden ihre Kenntnisse bei der Abrüstung der russischen Nordmeerflotte und beim Abriss von Atomkraftwerken in Bulgarien und Russland an. Auch den ausgemusterten Forschungsreaktor in Jülich und die stillgelegte Wiederaufbereitungsanlage in Karlsruhe bauen EWN-Mitarbeiter ab.

Der Abriss des einzigen Atomkraftwerks in Mecklenburg-Vorpommern hat Symbolcharakter. „Wir unterstützen den Wiederaufbau von Lubmin als Energiestandort mit neuer Technologie“, sagt Ministeriumssprecher Butt. Mecklenburg-Vorpommern sieht sich heute als Vorreiter im Einsatz erneuerbarer Energien. Im Jahr 2005 deckte das Land nach Angaben des Wirtschaftsministeriums mehr als 30 Prozent seines Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien. Damit liegt Mecklenburg-Vorpommern nach Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein auf Platz drei.

Der Windenergie kommt dabei die größte Bedeutung zu. Sie ist nach der Steinkohle der zweitwichtigste Energieträger des Landes, gefolgt von der Gewinnung von Strom aus Biomasse. Als Küstenland eignet Mecklenburg-Vorpommern sich besonders für die Windkraft. „Das Land hat eine lange Küstenlinie und sehr gute Windbedingungen“, sagt der Sprecher des Bundesverbands Windenergie, Matthias Hochstätter. „Es gibt zwar nicht übermäßig viele Windkraftanlagen, aber durch die geringe Besiedlung des Landes stellen sie einen hohen Anteil an der Stromerzeugung.“

Um die guten Bedingungen noch besser auszunutzen, sind vier Offshore-Windparks in der Ostsee geplant. „Für Mecklenburg-Vorpommern würde das einen zusätzlichen Schritt in Richtung des Spitzenreiters in der Windkraft bedeuten“, sagt Butt. Der erste dieser Windparks soll bis Ende nächsten Jahres ans Netz gehen.

Neben der Windkraft ist die Energiegewinnung aus Biomasse im Lande wichtig. Dafür werden Holz, Pflanzenabfälle oder Pflanzenöl verbrannt. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es derzeit neun Biomasse-Kraftwerke. Drei davon betreibt die Schweriner Firma Inergetic, die ihr Wissen auch erfolgreich ins Ausland exportiert.

Gerade hat das Unternehmen mit der spanischen Firma Iberdrola eine Kooperation vereinbart. Darin geht es um ein Biomassekraftwerk in Málaga, für das Inergetic das Brennstoffmanagement übernehmen wird. Den Weg ins Ausland empfiehlt Inergetic-Vorstand Andreas Franke auch anderen Unternehmen in der Branche: „Wir müssen unser Know-how aus Mecklenburg-Vorpommern nach Europa bringen.“

Zitat:

“ „Wir müssen unser Know-how nach Europa bringen“ “ – Andreas Franke, Vorstand von Inergetic –

Bild(er):

Im Rostocker Hafen hat Nordex die Windkraftanlage N90 testweise gebaut. Mindestens zehn solcher Anlagen sollen ab 2007 in Deutschlands erstem Offshore-Windpark 20 Kilometer vor der Ostseehalb-insel Darß stehen – Agentur Zenit/Paul-Langrock

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit