Häfen umwerben Reeder und Kreuzfahrer

Kiel und Lübeck steigern ihren Umsatz mit Gütern und Passagieren. Jetzt wollen sie der Hafenkonkurrenz an der Nordsee einen Teil des lukrativen weltweiten Containergeschäfts abjagen

VON Katrin Berkenkopf und Bülent Erdogan Die Hafenmanager in Lübeck und Kiel hatten im ersten Halbjahr allen Grund zur Freude. 6,4 Prozent mehr Güterumschlag waren es in Kiel, um fast zehn Prozent stieg er in Lübeck. In den Jahren davor war das Volumen gleich geblieben oder sogar zurückgegangen. Von stetigem Wachstum wie in Hamburg oder Bremerhaven konnten die Ostseehäfen bislang nur träumen.

Das liegt vor allem daran, dass Lübeck und Kiel nicht Teil des internationalen Containerhandels sind. „Wir machen hier kontinentaleuropäische Verkehre“, sagt Ulf Jahnke, Sprecher des Seehafens Kiel. In Zukunft aber wollen auch sie ein Stück vom Container-Kuchen. In Lübeck gibt es bereits eine so genannte Landbrücke mit dem Hamburger Hafen – und Kiel denkt jetzt ebenfalls darüber nach.

Die Häfen in Schleswig-Holstein könnten unterschiedlicher kaum sein. Da gibt es Brunsbüttel, den Elbhafen an der westlichen Ausfahrt des Nord-Ostsee-Kanals. Oder Puttgarden, das dank der von Touristen viel genutzen Vogelfluglinie nach Dänemark der größte Passagierhafen des Bundeslandes ist. Hier bangt man wegen der geplanten Fehmarnbelt-Brücke jetzt allerdings um das wirtschaftliche Überleben der Fähren. Beim Güterumschlag wiederum gibt Lübeck den Ton an. Die Lübecker Hafengesellschaft geht für dieses Jahr davon aus, dass der Umschlagrekord von 27,5 Millionen Tonnen aus dem Jahr 2004 übertroffen wird.

Seit 2003 betreibt der Hamburger Umschlag-Riese HHLA den Container Terminal Lübeck. Es soll seine Verbindung zum Ostseeraum sein. Mit regelmäßigen Güterzugverbindungen werden die Boxen von den HHLA-Terminals in Hamburg nach Lübeck gebracht und dort auf kleinere Schiffe verladen, die dann Häfen in der Ostsee anlaufen. Die großen Schiffe aus Asien oder den USA fahren gar nicht erst in die Region.

Das Projekt ist aber schleppender angelaufen als erwartet und macht noch immer Verluste. Frühestens 2007 werde die Verbindung profitabel sein, erklärte HHLA-Vorstandsmitglied Gerd Drossel im Sommer. Im vergangenen Jahr waren es gerade einmal 59 000 Standardcontainer, die die HHLA zwischen Hamburg und Lübeck transportierte. In diesem Jahr sollen es 100 000 werden. Zum Vergleich: Hamburg rechnet 2006 mit 8,7 Millionen Containern.

Die Konkurrenz in Kiel schreckt das nicht ab. Gemeinsam mit der IHK hat der Hafen die Idee entwickelt, verstärkt Container über Kiel umzuschlagen. „Hamburg wird irgendwann voll laufen, da müssen wir uns überlegen, wie wir davon profitieren können“, sagt Björn Ipsen, Referent für Standortpolitik bei der IHK Kiel. „Der Einstieg in den Containerverkehr ist unser Ziel“, bestätigt Hafen-Sprecher Jahnke. Dafür biete sich der Multifunktions-Terminal am Ostuferhafen an. Erste Gespräche mit den Terminalbetreibern in Hamburg habe es bereits gegeben. Bis der Containerboom auch in Kiel und Lübeck Einzug hält, müssen sich die Häfen allerdings auf ihre traditionellen Stärken besinnen. Die liegen vor allem im Fährgeschäft. In Lübeck gibt es wöchentlich 150 Fährverbindungen zu 25 Ostseehäfen. Nach der EU-Osterweiterung litt der Hafen allerdings unter einer Verlagerung des Verkehrs auf die Straße, da die Fahrer ihre Lkw nun in Osteuropa mit billigem Diesel betanken konnten.

In Kiel stammen 70 Prozent des Güterumschlags von den Fähren, die vor allem nach Skandinavien fahren. Mit den Fähren kommen auch die Passagiere. 1,56 Millionen waren es im vergangenen Jahr. Dazu zählen auch Kreuzfahrtgäste. In der diesjährigen Saison, die in Kiel Mitte September endete, waren es 150 000. Nach Rostock ist Kiel der zweitgrößte deutsche Kreuzfahrthafen. Doch schon bald will Kiel die Rangfolge umkehren: Gerade fand der erste Rammschlag statt, so etwas wie der erste Spatenstich für die Umgestaltung des Ostseekais. Am 24. April 2007 soll er als Cruise & Ferry Center wiedereröffnen. Als erster Gast wird ausgerechnet ein Schiff erwartet, dessen Reederei ihren Sitz in Rostock hat: die „Aida Diva“, das neue Flaggschiff von Aida Cruises. Premieren wird es noch weitere geben im nächsten Jahr: Im September 2007 soll die „Color Magic“ zum ersten Mal Kiel anlaufen. Sie ist das zweite Boot einer neuen Klasse, die die norwegische Color Line als „Kreuzfahrtschiff im Liniendienst“ bezeichnet.

An der Aufstellung des Hafens hat IHK-Experte Ipsen nichts zu kritisieren. „Von den vielen Passagieren, die der Hafen zählt, könnte die örtliche Wirtschaft aber mehr profitieren als bisher“, sag er. Dazu gehöre zum Beispiel, dass man in Geschäften verstärkt Englisch spreche und Kreditkarten akzeptiere.

Zitat:

“ „Hamburg wird irgendwannvoll laufen“ “ – Björn Ipsen,Sprecher IHK Kiel –

Bild(er):

Fähr- und Kreuzfahrtschiffe am Schwedenkai in Kiel. Schiffe mit einem Tiefgang bis zu 8,20 Metern können hier 2500 Passagiere an Bord nehmen – Seehafen Kiel

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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