Schiffbauer schwimmen auf Erfolgswelle

Die mecklenburgischen Werften haben vom Boom der Schifffahrt stark profitiert. Trotzdem wollen sie sich künftig auf den Spezialschiffbau konzentrieren

VON Katrin Berkenkopf und Bülent Erdogan Mecklenburg-Vorpommern gilt als strukturschwach. Ein Indikator dafür ist der Mangel an Industriebetrieben. Wer sie sucht, wird hauptsächlich an der Küste fündig: Zwischen Wismar und Wolgast liegen mit den Werften des ehemaligen VEB Kombinat Schiffbau die größten Betriebe des Landes. „Der Schiffbau ist das industriepolitische Rückgrat des Landes“, sagt Rüdiger Klein, Bevollmächtigter der IG Metall für Rostock und Schwerin.

Milliardenschwere Subventionen machten in den 90er Jahren aus den ehemaligen DDR-Staatsbetrieben hochmoderne Werften. Im vergangenen Jahr standen 76 von insgesamt 231 Aufträgen für deutsche Schiffbauer in den Büchern der Mecklenburger – mehr, als in jedem anderen Bundesland. Der Auftragswert: insgesamt knapp 3 Mrd.Euro. Zu den erfolgreichsten Schiffbauern an der Ostsee zählen die beiden Werften von Aker Yards Germany in Rostock-Warnemünde und Wismar, die zur norwegischen Aker-Gruppe gehören. In diesem Jahr werden sie 13 Schiffe liefern, 2007 sollen es 16 oder 17 sein.

Damit die beiden Werften ihre Kapazitäten derart schnell steigern können, wird eine ukrainische Werft der Aker-Gruppe große Stahlsektionen zuliefern. “ Wir nutzen alle Kapazitäten in der Gruppe“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Jürgen Kennemann. Umgekehrt würden auch die deutschen Aker-Werften zu Projekten im Ausland beitragen. So haben sie Stahlsektionen für das Luxusfährschiff „Color Magic“ produziert, das in Finnland gebaut wird und zwischen Kiel und Oslo fahren soll.

Etwa 2200 Menschen beschäftigt Aker Yards Germany zur Zeit, hinzu kommen 114 Auszubildende. Für die nächsten Jahre sind ihre Arbeitsplätze sicher. „Aber eine Prognose, wie es in zehn Jahren aussieht, kann keiner abgeben“, sagt Aker-Sprecher Matthias Trott. Dafür sei der Schiffbau ein zu zyklisches Geschäft.

Zu DDR-Zeiten waren 52 000 Menschen bei den im Kombinat zusammengefassten Betrieben beschäftigt. Heute gibt es nur noch 4600 Arbeitsplätze bei den Werften und direkten Schiffbauzulieferern, sagt Klein. Der amtierende Wirtschaftsminister Otto Ebnet zählt indes 320 Betriebe mit 13 000 Beschäftigten zur maritimen Industrie.

Derzeit spielt die starke Nachfrage nach Containerschiffen und Tankern den Aker-Werften, der Volkswerft Stralsund, der Peene-Werft in Wolgast oder der Neptun-Werft in Rostock in die Hände. Die Kapazitäten der großen Schiffbaunationen Südkorea, Japan und China sind vollends ausgelastet – 2005 waren mehr als 3300 Bestellungen in ihren Büchern registriert. Freie Bauplätze sind nur schwer zu ergattern, und so weichen viele nach Deutschland aus, auch wenn die Schiffe hier teurer sind.

Dass dieser Boom nicht ewig währt, ist den Werften bewusst. Daher bereiten sie sich schon jetzt auf die Zeit danach vor: „Wir wollen eine diversifizierte Produktpalette nicht nur anbieten, sondern auch tatsächlich bauen“, sagt Aker-Sprecher Trott. Eine Alternative sei der Spezialschiffbau. Dazu zählen Schiffe für den Einsatz in arktischen Gebieten und Spezialtanker. Das neue Kompetenzzentrum für LNG-Schiffe, die verflüssigtes Erdgas (Liquified Natural Gas) transportieren, hat die Aker-Gruppe in Rostock-Warnemünde angesiedelt.

Neu formiert hat sich in Rostock die SMG-Werft. Zuletzt konzentrierte sich das Unternehmen auf Reparaturarbeiten an Schiffen der Marine und der Wasserschutzpolizei. Künftig sollen hier aber Luxusyachten zwischen 20 und 60 Metern Länge entstehen. „Als Serienbau gibt es so etwas in Deutschland bisher noch nicht“, sagt Verkaufsleiter Roland Hermann. Im Februar 2007 soll das erste Schiff der neuen Klasse, die den Namen Mazarin Yachts trägt, abgeliefert werden. Ab 2008 sollen 30 Schiffe pro Jahr vom Stapel laufen. SMG hat dafür innerhalb eines Jahres 54 Mitarbeiter neu eingestellt und beschäftigt nun 94 Menschen. Läuft die Produktion auf vollen Touren, sollen es 150 werden. Wie viele Schiffe bereits bestellt wurden, will Hermann indes nicht preisgeben.

Rüdiger Klein von der IG Metall gibt sich trotz aller Erfolge zurückhaltend: So seien viele Zulieferer noch lange nicht darauf eingestellt, dass die Entwicklung zu Spezialschiffen tendiere. „Auch bei der Schiffselektronik hat es einen großen Abfluss von Know-how gegeben.“ Für die Region sei es aber wichtig, dass die Zulieferer kontinuierlich mit Innovationen den Vorsprung zur Konkurrenz aus Fernost halten und ausbauen. „Einen Lohnkostenwettbewerb mit China können wir nur verlieren.“

Sorgen bereitet Klein angesichts überalterter Belegschaften die Lage auf dem Arbeitsmarkt. „Mittlerweile ist es außerordentlich schwierig, qualifizierte Ingenieure mit Berufserfahrung im Schiffbau zu finden.“ Das treffe auch auf Facharbeiter wie Schiffbauer und Schweißer zu.

Zitat:

“ „Der Schiffbau ist das industriepolitische Rückgrat“ “ – Rüdiger Klein,IG Metall –

Bild(er):

Aker-Werft Wismar: Noch werden hier Containerschiffegebaut. Langfristig will sich die Werft aber auf Spezialschiffe konzentrieren – Aker Yards

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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