Trotz Fehlschlags gut im Geschäft

Beim Hurrikan „Katrina“ lagen die Experten für Katastrophenprognosen völlig daneben. Die tatsächlichen Kosten eines solchen Ereignisses hatte keiner auf dem Schirm. Der Einfluss der Experten steigt trotzdem dsfgsd fs

VON Herbert Fromme Einige Wochen nach „Katrina“ gab es rote Gesichter bei den Verantwortlichen der Spezialfirmen für Katastrophenmodelle. Die Simulationen der Experten hatten die Auswirkungen des Sturms völlig falsch eingeschätzt – die Überflutung von New Orleans war nicht berücksichtigt worden. Sie rechneten mit 10 bis 25 Mrd. $, tatsächlich wurden es 45 Mrd. $. Mancher Versicherer erwartete deshalb auch Tage nach dem Ereignis überschaubare Schäden, die Münchener Rück etwa 400 Mio. Euro – tatsächlich waren es 1,6 Mrd. Euro.

Drei Unternehmen sind Marktführer in diesem Feld – Risk Management Solutions (RMS) in Newark, Kalifornien, Applied Insurance Research (AIR) in Boston und Eqecat in Oakland. Sie beschäftigen Sozialwissenschaftler, Meteorologen, Klimaforscher, Bauingenieure, Statistiker, Mediziner und andere Experten.

Trotz des Fehlschlags mit „Katrina“ sind die Dienstleistungen der drei so gefragt wie nie. Versicherer und Rückversicherer müssen ihr Risikomanagement umstellen. Ratingagenturen und Finanzaufseher verlangen, dass sie einen genauen Überblick über die eingegangenen Risiken haben. Das ist ohne Modellrechnungen unmöglich. Kein Wunder, dass zahlreiche Versicherer in den USA mit ihren Kalkulationen für Sturmrisiken warteten, bis im Frühjahr 2006 RMS, AIR und Eqecat ihre neuen Katastrophenmodelle veröffentlichten.

Jahrhundertelang lebte die Assekuranz vor allem von Erfahrungswerten: Wie oft kam es in der Vergangenheit zu einem Sturm der Stärke sieben, wie hoch sind die versicherten Werte? So ließ sich bequem eine Versicherungsprämie ausrechnen. „Doch dann kam Hurrikan Andrew“, sagte RMS-Chef Hemant Shah. Der Sturm von 1992 kostete die Branche 15 Mrd. $, in heutigen Preisen sind das 22,27 Mrd. $. „Andrew erschütterte die Versicherer in den Grundfesten“, sagte Shah. Einen solchen Megaschaden sahen ihre Kalkulationen einfach nicht vor. Die Katastrophenmodellierer sollten dafür sorgen, dass so etwas nie wieder vorkommt, umso peinlicher, dass sie bei „Katrina“ danebenlagen. „Die Kritik ist in vielerlei Hinsicht berechtigt“, sagte Shah. Die Modelle seien angepasst worden, man habe gelernt.

Die Spezialisten berechnen, welches Risiko ein Versicherer übernimmt, wenn er beispielsweise ein Hotel in Miami versichert, auch wenn dort noch nie ein Hotel stand. Gebäudewerte, Klimaanalysen, Schadenserfahrungen, eine Unmenge von Daten gehen in die Kalkulation ein. Heraus kommt das übernommene Risiko, eine Zahl, die so belastbar sein muss, dass die gesamte Branche ihre Kalkulationen darauf aufbaut.

Die Kunden sind Rückversicherer, Gebäudeversicherer, Versicherungsmakler. Billig sind die Zukunftsforscher nicht. Wer Standardanalysen braucht, muss auf jeden Fall 100 000 $ ausgeben. Wenn American International, Allianz, Münchener Rück oder Zurich Financial Daten und Modelle für ihr globales Geschäft einkaufen, zahlen sie mehr als 5 Mio. $ pro Jahr.

Verzichten wollen die Versicherer darauf nicht mehr. Schließlich müssen sie einschätzen können, welche Risiken sie eigentlich versichern. Bei einem Erdbeben wie 1906 in San Francisco müsste die Branche heute mit Schäden zwischen 75 Mrd. $ und 95 Mrd. $ rechnen. Zurzeit evaluieren die RMS-Experten die Auswirkungen einer globalen Vogelgrippe-Pandemie und versuchen, mögliche Belastungen aus Terroranschlägen oder Haftpflichtansprüchen vorherzusagen.

Ihre Berechnungen haben direkte materielle Auswirkungen. „Wenn die Modelle zu höheren Risiken kommen, brauchen die Versicherer mehr Kapital“, sagte RMS-Manager Paul VanderMarck nüchtern. Das heißt, es wird schwerer für sie, einen ordentlichen Ertrag auf das eingesetzte Kapital zu erzielen. Die Spezialfirmen sind auch nicht ohne Kritiker. Weston Hicks, Chef der Finanzholding Alleghany Corporation mit mehreren Versicherungstöchtern, hält Zahlen für mögliche Terrorschäden für „aus der Luft gegriffen“. Andere glauben, dass die Schätzungen einen reinen Placeboeffekt haben. Sie beruhigen Aktionäre, Ratingagenturen und Versicherungsaufsicht, haben aber wenig damit zu tun, mit welchen Risiken die Versicherungswirtschaft im Ernstfall tatsächlich rechnen muss.

Yörn Tatge, Deutschland-Geschäftsführer von AIR, weist solche Vorwürfe zurück. „Die Modelle sind nach wie vor sehr wichtig, aber sie können immer nur so gut sein wie die zur Kalkulation verwendeten Daten und die Interpretation der Ergebnisse“, sagt er. Mitunter hapere es an der Qualität der Daten. „Annähernd 90 Prozent der untersuchten Versicherer haben die Modelle nicht mit dem tatsächlichen Wert der von ihnen versicherten Gebäude gefüttert, sondern nur limitierte Werte angegeben.“ Wenn ein Sturm ein Gebäude zerstöre und dessen Wert um 50 Prozent unterschätzt worden sei, werde auch der Verlust im Katastrophenfall um 50 Prozent unterschätzt.

Zitat:

“ „Andrew erschütterte die Versicherer in den Grundfesten“ “ – RMS-Chef Hemant Shah –

Bild(er):

Der Hurrikan „Andrew“ zerstörte am 24. August 1992 die Küsten Floridas. 43 Menschen starben, der versicherte Schaden betrug in heutigen Preisen 22,27 Mrd. Dollar. „Andrew“ gilt als Wendepunkt für die US-Versicherer. Seither versuchen die Gesellschaften, mithilfe von Katastrophenmodellen auch bisher unbekannte Schadensszenarien zu berechnen – statt sich auf Erfahrungswerte zu verlassen – CORBIS/Raymond Gehman

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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