Haftpflicht ist weiter günstig zu haben

Erste Gegentrends trotz heftiger Konkurrenz

Von Herbert Fromme Unternehmen in Europa können ihre Haftpflichtrisiken auch 2007 zu vergleichsweise niedrigen oder erneut sinkenden Preisen abdecken. Doch der Trend könnte sich bald drehen. „Die Preise fallen oder sind gleich bleibend, aber sowohl Versicherungseinkäufer wie Versicherer erwarten eine höhere Stabilität für 2007“, berichtet das Maklerunternehmen Aon in seiner neuesten Marktstudie über die Industrieversicherung in Europa.

In Sachdeckungen wie der Gebäude- oder Maschinenversicherung kaufen sich Industrie und Gewerbe Schutz gegen Schäden, die sie selbst erleiden könnten. Die Haftpflichtversicherung schützt sie vor Ansprüchen Dritter. Da diese Ansprüche oft noch sehr spät gestellt werden können – bei Gefahren von Medikamenten, Baustoffen oder anderen Produkten sogar Jahrzehnte später – macht die Spätschadenproblematik Versicherern und Kunden Sorgen. Der Kunde fragt sich, ob seine Gesellschaft auch in vielen Jahren noch zahlungsfähig ist, der Versicherer hat Angst, dass er Risiken abgedeckt hat, von denen er noch gar nichts weiß, etwa die Nebenwirkung eines Medikaments.

„Der Informationsbedarf der Versicherer wird immer größer“, sagt Georg Bräuchle, Vorstandsmitglied der Deutschlandtochter des internationalen Versicherungsmaklers Marsh. Selbst wenn ein Kunde nur eine Vorabinformation für die künftige Prämie wolle, verlangten Versicherer umfangreiche Fragebögen und Betriebsbesichtigungen. Das gilt vor allem für das sogenannte exponierte Geschäft – Pharmaunternehmen, Chemiehersteller, Krankenhäuser und Policen für die Deckung von Rückrufkosten. „Im nicht exponierten Geschäft sind Prämienreduzierungen um zehn Prozent durchsetzbar“, berichtet Bräuchle.

Versicherer haben gut verdient

Denn die Anbieter haben in den vergangenen Jahren an der Haftpflichtversicherung gut verdient. Die Prämieneinnahmen für die industrielle Haftpflicht veröffentlicht die Branche nicht, sie werden auf 7 Eurobis 8 Mrd. Euro geschätzt. Im Jahr 2005 betrug die Schaden- und Kostenquote in diesem Geschäft nur 90 Prozent der Beitragseinnahmen. Das heißt, pro Euro Prämie gingen 90 Cent für Schäden, Verwaltungs- und Vertriebskosten drauf, zehn Prozent oder mehr als 700 Mio. Euro blieben den Versicherern. Dazu kommen erhebliche Kapitalerträge in dreistelliger Millionenhöhe. Denn in der Haftpflichtversicherung müssen die Versicherer wegen der Langfristwirkung hohe Schadenreserven aufbauen, die sie gut anlegen.

Da sind viele Gesellschaften bereit, im Kampf um den Kunden etwas nachzugeben – weil sie immer noch verdienen. Hoffnungen auf der Anbieterseite, der Zusammenschluss der beiden großen Haftpflichtanbieter HDI und Gerling könnte den Trend brechen, haben sich bisher nicht erfüllt. Das gilt auch für die industrielle Kraftfahrtversicherung, in der Flotten von Hunderten oder Tausenden von Fahrzeugen versichert werden. Trotz des zusätzlichen Aufwands, den die Mehrwertsteuererhöhung für die Versicherer bringt, rechnen Insider kaum mit einer Preiserhöhung für 2007.

Auf die für sie negative Preisentwicklung reagieren manche Gesellschaften mit unschönen Methoden, beklagt Makler Bräuchle. „Eine Verbesserung der Ertragssituation erzielt man auch mit einer zurückhaltenden Schadenregulierung“, sagt er. Gemeint ist: Die Versicherer zahlen schleppend oder gar nicht. „Leider gibt es hierfür erste Tendenzen auch in der Haftpflichtversicherung“, sagt Bräuchle. Bei größeren Schäden arbeiten die Versicherer immer öfter auf einen Vergleich hin und begründen das mit einer angeblich unklaren Haftungssituation und möglichen Bedenken, ob wirklich eine Deckung vorliegt. Der Abbau von Personal bei den Gesellschaften führt gleichzeitig zum Wegbrechen von wichtigem Know-how.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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