Schikane für Versicherer

Zwischen Assekuranz und Flottenmanagern knirscht es. Viele Manager glauben, dass sie besser fahren, wenn sie Risiken selbst tragen – zumal die erhöhte Versicherungsteuer zuschlägt

VON Herbert Fromme Flottenmanager, die in diesen Tagen mit spitzem Bleistift ihre Versicherungskosten für 2007 kalkulieren, kommen zu einem überraschenden Ergebnis: In vielen Fällen lohnt es sich für sie, weniger Versicherungsschutz einzukaufen. Der Grund ist die Anhebung der Versicherungsteuer von 16 auf 19 Prozent.

Die Bundesregierung erhöht die Steuer parallel zur Mehrwertsteuererhöhung. Aber während die Mehrwertsteuer für die Flottenbetreiber wie für alle Unternehmen in der Regel ein durchlaufender Posten ist, tut die Versicherungsteuer ihnen richtig weh. Denn hier sind sie Endverbraucher und müssen echt zahlen, die Verrechnung mit selbst erhobener Mehrwertsteuer ist nicht möglich.

„Da prüfen die Flottenbetreiber natürlich, ob es nicht günstiger ist, viele Schäden selbst zu tragen“, sagt Klaus-Peter Herfeld, Vorstand bei HDI Industrie. Zusammen mit der gerade erworbenen Gerling-Gruppe ist HDI einer der größten Anbieter von Versicherungen für Autoflotten.

Das gilt allerdings nur für die Kaskoversicherung. Denn die Haftpflichtversicherung, die für Schäden bei Dritten eintritt, muss jeder Fahrzeughalter abschließen, das ist gesetzlich vorgeschrieben.

Bei Kasko ist das anders, dort kann jeder Fahrzeugbesitzer sein Risiko selbst tragen. Die Kalkulation ist vor allem für große Flotten einfach. Wenn ein Versicherer 100 000Euro für den Kaskoschutz einer großen Flotte verlangt, sind darin 19 Prozent Versicherungsteuer enthalten, es bleibt eine Nettoprämie von 84 000 Euro. Die Assekuranz zielt auf Schadenquoten von 70 Prozent bis 80 Prozent – 20 Prozent bis 30 Prozent gehen für Verwaltungs- und Vertriebskosten sowie Gewinne in die Kalkulation ein. Von den 100 000 Euro gezahlten Versicherungsprämien kommen also nur 59 000 Euro bis 67 000 Euro als Schadenzahlung zurück.

„Wenn die Versicherer nur auf sogenannte Zielschadenquoten schauen, die ihrer Ansicht nach bei rund 70 Prozent liegen sollten, dann fragt man sich doch, ob man das Risiko nicht unternehmerisch selbst trägt“, sagt Knut Klauser. Er ist bei der Lufthansa-Tochter Albatros für die Versicherung von 1700 für öffentliche Straßen zugelassenen Fahrzeugen des Konzerns zuständig, die zahlreichen Fahrzeuge für den Gebrauch auf Flughäfen sind über die Luftfahrtpolicen der Fluggesellschaft abgedeckt.

HDI-Manager Herfeld kann Klausers Argument verstehen. „Ich spreche auch ungern von Zielschadenquoten. Denn wenn die Prämie wirklich nur nach der Methode Schäden plus Kosten berechnet wird, kann ein Kunde das oft selbst tragen.“ Die um drei Punkte erhöhte Versicherungsteuer steigert für die Flottenmanager den Anreiz, zumindest teilweise auf die Assekuranz zu verzichten und hohe Selbstbehalte zu vereinbaren.

Dass nicht allesamt alle Großflotten zur Eigenversicherung übergehen, hat einen einfachen Grund: Die Versicherer haben seit 2004 die Preise dramatisch gesenkt – ein Teil des Preiskrieges in der Autoversicherung. „Wir haben sowohl zum 1. Januar 2005 als auch im folgenden Jahr Absenkungen von kumuliert zehn Prozent für Flotten mit gutem Schadenverlauf gesehen“, sagt Herfeld. „Das engt den Prämiensenkungsspielraum für 2007 natürlich erheblich ein.“ Absenkungen von fünf bis zehn Prozent in jedem der beiden vergangenen Jahre beobachtete auch Georg Bräuchle, Geschäftsführer bei Marsh Deutschland, dem zweitgrößten Versicherungsmakler im Land. Die Nachgiebigkeit der Versicherer zeigte sich auch bei der Einführung der neuen Obergrenze von 100 Mio.Euro pro Schaden statt bisher 50 Mio. Euro. „Das ist nahezu komplett eingeführt worden“, sagt Bräuchle. Manche Versicherer hatten dafür einen Prämienzuschlag zwischen 1,5 und 3 Prozent vorgesehen. „Sie konnten das aber nicht oder nur unzureichend umsetzen.“

Flotte ist nicht gleich Flotte. In Deutschland sind 56 Millionen Fahrzeuge zugelassen, davon rund 40 Millionen Pkw. „Wir schätzen, dass rund 3,5 Millionen davon gewerblich genutzt werden, also im weitesten Sinne in den Bereich der Flotten gehören“, sagt HDI-Vorstand Herfeld. Er schätzt die Zahl der Flotten mit mindestens zehn Fahrzeugen auf 36 000, davon nur wenige sehr große. „Es gibt weniger als 200 Flotten mit 5000 Fahrzeugen oder mehr“, sagt Herfeld.

Während die Versicherer bei Privatfahrzeugen nach Tarif vorgehen und der tatsächliche Preis vom Schadenfreiheitsrabatt des individuellen Fahrzeughalters abhängt, verabreden Versicherer und Flotten in der Regel Stückprämien. „Der zentrale Punkt für die Höhe ist dann der Schadenverlauf der Vorjahre“, sagt Albatros-Manager Klauser. So könne es durchaus sein, dass ein Teil der Lufthansa-Betriebe höhere Stückprämien zahlt. Interessant wird die Verhandlungsrunde für 2007 nicht nur wegen der Versicherungsteuer. Die höhere Mehrwertsteuer müsste die Versicherer eigentlich zu Preiserhöhungen von zwei Prozent zwingen. „Diese Mehrprämie wird der Markt nicht hergeben“, sagt Bräuchle. „Einige Versicherer setzen bewusst auf Umsatz, um auf dem sehr hart umkämpften Markt zu wachsen.“

Zitat:

“ „Ich spreche ungern von Zielschadenquoten“ “ – HDI-Vorstand Klaus-Peter Herfeld –

“ „Einige Versicherer setzen bewusst auf Umsatz“ “ – Georg Bräuchle, Makler Marsh –

Bild(er):

Rot-weiße Leitplanken fassen die Fahrbahn ein. Sie sind als Meterware erhältlich, man schneidet sie nach Bedarf zurecht. Das untere Bild zeigt ein Fahrbahn-Bauteil Trotz hohen Tempos und Kurven liegt das Auto sicher auf der Bahn. Dafür brauchen Carrera-Piloten Fingerspitzengefühl und Streckenkenntnis – buchcover.com/Barbara Boensch; Stadlbauer Marketing & Vertrieb Ges. m. b. H. (2)

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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