Schulen im Schweinezyklus

Die nordrhein-westfälische Landesregierung gestaltet das Bildungswesen nach ökonomischen Prinzipien um. Das bedeutet: mehr Eigenverantwortung und mehr Wettbewerb

VON Anja Krüger Früher trug Johannes Sandbrink als technischer Betriebsleiter bei Bayer Verantwortung in der Wirkstoffproduktion. Heute unterstützt der Rentner nordrhein-westfälische Schulleiter. Sie sollen von seinen Erfahrungen profitieren und so fit für ihre neuen Managementaufgaben werden. Denn künftig werden die Schulleiter in NRW etwa Budgetverantwortung tragen und Personalentscheidungen treffen. Sandbrink findet das gut. „Generell können Entscheidungen besser vor Ort getroffen werden“, sagt er.

Der ehemalige Manager nimmt teil an einem Projekt der Stiftung Partner für Schule, die von der Landesregierung und 28 Unternehmen getragen wird. In Köln und Dortmund sind bereits „Seniorexperten“ unterwegs, in weiteren Städten ist ihr Einsatz geplant. Die Stiftung wurde von der rot-grünen Landesregierung 2003 gegründet, um Potenziale aus der Wirtschaft für Schulen nutzbar zu machen. Das will auch die im Frühjahr 2005 gewählte schwarz-gelbe Koalition. Schulministerin Barbara Sommer (CDU) setzt auf mehr Wettbewerb und Eigenverantwortlichkeit.

Das Schulwesen ist mit Sommers Antritt in Bewegung geraten. Ob es rückwärts- oder vorwärts geht, darüber herrscht Uneinigkeit. Denn nirgends hatte die Bildungseuphorie der 70er-Jahre zu so weitreichenden Reformen geführt – und nirgends ist die Ernüchterung größer als in NRW. Die Ergebnisse des Leistungstests Pisa waren verheerend. Gesamtschulen, einst die Hoffnungsträger für Gerechtigkeit bei der Verteilung von Bildung, sind oft nicht mehr als bessere Hauptschulen, viele haben keine Oberstufe.

Die Sozialdemokraten wollten mit der Gesamtschule einen neuen Schultyp etablieren. Doch innerhalb der SPD blockierten sich Freunde und Feinde des dreigliedrigen Systems Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Reformen blieben auf halber Strecke stecken. Immer mehr Elemente aus dem dreigliedrigen System wurden übernommen, die Philosophie des individuellen Lernens verdrängt. „Die Idee der Gesamtschule ist nicht gescheitert, sie ist nie wirklich umgesetzt worden“, sagt der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Andreas Meyer-Lauber.

Die schwarz-gelbe Landesregierung will die Gesamtschulen nicht abschaffen, sagt Andrej Priboschek, Sprecher des Schulministeriums. „Aber sie müssen sich im fairen Wettbewerb behaupten.“ In der Debatte über die Pisa-Ergebnisse verweisen viele auf den Gewinner Finnland, der kein dreigliedriges Schulsystem hat. Die Landesregierung beeindruckt das nicht. Die Frage der Qualität sei nicht von der Schulform abhängig, sagt Priboschek. „Entscheidend ist nicht die Struktur.“ Wichtiger sei, Dynamik ins System zu bekommen – und zwar mit mehr Wettbewerb zwischen den Schulen und mehr Eigenverantwortung. „Wir wollen die individuelle Förderung stärken und die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen erhöhen“, sagt er.

„Propaganda“ nennt GEW-Chef Meyer-Lauber solche Aussagen. Er wirft der Landesregierung vor, dass sie die Gymnasien von anderen Schulformen abkoppelt. Die heutigen Sechsklässler und die nachfolgenden Schülergenerationen sollen das Abitur in zwölf Jahren machen. Haupt-, Real- und Gesamtschüler, die nach der zehnten Klasse aufs Gymnasium wollen, werden in der Regel ein Jahr wiederholen müssen.

Das Ministerium sieht darin jedoch keinen Widerspruch zur angepeilten erhöhten Durchlässigkeit. „Es gibt etliche Maßnahmen, die für eine höhere Durchlässigkeit sorgen“, sagt Ministeriumssprecher Priboschek. So soll in der Sekundarstufe I am Ende jedes Schuljahrs geprüft werden, ob Schüler „aufsteigen“ können. Außerdem stellt die Landesregierung Gymnasien Förderkapazitäten für die Aufsteiger zur Verfügung.

Weniger Wahlfreiheit für Schüler

Auch der Unterricht in der Oberstufe wird sich ändern. Leistungskurse, mit deren Wahl die Schüler bisher selbst Schwerpunkte setzen, werden abgeschafft. Darüber hinaus können die Schüler künftig klassische Fächer wie Mathematik, Deutsch und Naturwissenschaften nicht mehr abwählen. Das erinnere eher an das neusprachliche Gymnasium der 60er-Jahre als an ein zukunftsorientiertes Konzept, sagt GEW-Mann Meyer-Lauber. „Die fangen da wieder an, wo sie vor 40 Jahren aufgehört haben“, spottet er in Anspielung auf den Machtverlust der CDU 1966.

Für große Unruhe im Land sorgt auch, dass die Landesregierung die Einzugsbezirke für Grundschulen aufhebt. Das heißt: Künftig können Eltern selbst bestimmen, wo der Nachwuchs die Primarstufe besucht. Die bisherigen Grundschulbezirke hätten „Gettoschulen“ geschaffen, sagt der Ministeriumssprecher. In Zukunft hätten Eltern wenigstens die Möglichkeit, ihre Kinder in andere Schulen zu schicken. Außerdem sollen Schulen mit besonders großen sozialen Problemen künftig besonders gestärkt werden.

Meyer-Lauber fürchtet, dass im nordrhein-westfälischen Grundschulwesen künftig Verhältnisse wie an der Börse herrschen: „Wir bekommen so etwas wie hohe Volatilität und einen Schweinezyklus.“ Die guten Schulen würden überlaufen, bis sie zu den schlechten gehören und umgekehrt, glaubt er.

Zitat:

“ „Die fangen da wieder an,wo sie vor40 Jahren aufgehört haben“ “ – Andreas Meyer-Lauber, GEW –

Bild(er):

Erstklässler in einer Düsseldorfer Grundschule: Rund 181 000 Kinder in Nordrhein-Westfalen erlebten im August dieses Jahres ihren ersten Schultag – picture-alliance/dpa/Franz-Peter Tschauner

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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