„Verachtenswerte Methode“

DaimlerChrysler hat seine Ansprüche aus der Managerhaftung gegen die Versicherer durchgepaukt – die wollten noch 2003 eine schnelle und für sie billigere Lösung

Herbert Fromme William O’Brien zeigte sich empört. „Es ist wohl nicht das erste Mal, dass ein Versicherer versucht, bei seinem Versicherten ein großes Zugeständnis trotz einer gültigen Police herauszuholen, wenn dieser Versicherte besonders verletzlich erscheint“, schrieb der damalige Chefsyndikus und Leiter der Rechtsabteilung des DaimlerChrysler-Konzerns am 6. August 2003. „Es ist aber wohl das erste Mal, dass jemand das mit DaimlerChrysler versucht. Als Geschäftsmethode ist das verachtenswert, bei einem Versicherer zeigt das ganz klar eine arglistige Absicht.“

Der Adressat des Briefs in geharnischtem Ton war Alan Wade in London. Wade war verantwortlich für die Schadenabwicklung in der Managerhaftung („Directors & Officers Liability“) des Versicherer ACE. Sein Arbeitgeber wiederum führte das Versichererkonsortium an, das für das Jahr 2000 die D&O-Deckung des DaimlerChrysler-Konzerns für Schäden von 25 Mio. Euro bis 200 Mio. Euro übernommen hatte. Wade war für die Abwicklung des Schadens mit der Nummer 972-3054998 zuständig: die finanziellen Folgen des missglückten Interviews von Jürgen Schrempp, in dem der Daimler-Chef eingeräumt hatte, dass die Fusion mit Chrysler von vornherein als Übernahme und nicht wie publiziert als „Zusammenschluss zwischen Gleichen“ geplant war.

Chrysler-Aktionäre fühlten sich getäuscht – bei einer Übernahme hätten sie einen höheren Preis erzielen können. Sie verlangten Milliardensummen als Entschädigung, 2003 einigte sich DaimlerChrysler mit einer Gruppe in einem Schlichtungsverfahren auf 300 Mio. $. Aus der Managerhaftungspolice verlangte der Autohersteller Schadensersatz.

„Ich schreibe auch als Antwort auf den Versuch Ihrer Repräsentanten, am 30. Juli DaimlerChrysler zum Verzicht auf 50 Prozent der Versicherungssumme zu bewegen“, textete O’Brien an Wade. Die Versicherer hätten den Vorstoß just in dem Moment unternommen, als der Konzern versucht habe, durch Schlichtung Ansprüche zwischen 6 Mrd. $ und 22 Mrd. $ aus Sammelklagen beizulegen.

Der Briefwechsel belegt die generelle Problematik in der Schadenabwicklung von D&O-Ansprüchen: Denn der Versicherte ist der Manager, also Schrempp, der Anspruchsteller ist DaimlerChrysler – der Kunde, der die Prämie gezahlt hat.

Zuvor hatte Wade am 24. Juli 2003 an den damaligen DaimlerChrysler-Finanzchef Manfred Gentz geschrieben. Der Konzern habe Vergleichsverhandlungen ohne ausreichende Beteiligung der Versicherer geführt und ihnen nicht die verlangten Informationen geliefert. Diese Obliegenheitsverletzung „könnte zur Leistungsverweigerung führen“, drohte Wade.

Zumindest teilweise scheinen die Proteste berechtigt. So versuchte DaimlerChrysler offenbar, die Versicherer aus den Schlichtungsverhandlungen herauszuhalten. „Der Schlichtungstermin wurde ohne Rücksicht auf unsere Anwälte und ihre Verfügbarkeit angesetzt“, beklagte sich Wade am 22. August 2003 in einem Brief an O’Brien. „Eine „Einladung“ kam schließlich am 25. Juli um 15.35 Uhr, also knapp einen Arbeitstag vor der Schlichtungsverhandlung.“

Daimler-Syndikus O’Brien ging im Oktober 2006 in den Ruhestand. So konnte er nur noch als Beobachter erleben, dass sich sein Ex-Arbeitgeber durchgesetzt hat. Das Konsortium zahlte vor Jahresende 168 Mio.Euroder geforderten 175 Mio. Euro. Der US-Versicherer AIG hatte die Grunddeckung von 25 Mio. Euro lange vorher überwiesen.

Zitat:

„Bei einemVersicherer zeigt das eine arglistige Absicht“ – William O’Brien,DaimlerChrysler –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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