Umkämpfter Versicherungsstandort

Der Weltmarkt der Assekuranz bewegt sich. Deutschland wirkt auf internationale Versicherer und Rückversicherer zunehmend attraktiv. Der Wettbewerb um Kunden wird sich verschärfen dsfgsd fs

VON Herbert Fromme Die Herren des japanischen Industrieversicherers Mitsui Sumitomo verkündeten die Expansion in den deutschen Markt auf fast heimischem Territorium. Sie wählten das Hotel Nikko in Düsseldorf – fester Bestandteil der Infrastruktur für die dort lebende japanische Gemeinde – für ihre Pressekonferenz. „Wir wollen langfristig im deutschen Markt aktiv sein“, sagte Masahiro Matsumoto, Chef der Mitsui Sumitomo Europe mit Standort in London.

Mitsui Sumitomo ist nicht der einzige ausländische Versicherer, der auf den deutschen Markt strebt. Spaniens Marktführer Mapfre hat ein Büro eröffnet, der australische Versicherer QBE zum 1. Januar 2007 den Geschäftsbetrieb in Deutschland aufgenommen. Der US-Versicherer AIG ist zwar schon lange im deutschen Markt präsent, will sein Geschäft aber noch deutlich ausbauen. Die Kundschaft freut es. „Je mehr, desto besser“, sagt Ralf Oelßner, Versicherungschef der Lufthansa und Vorsitzender des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes, der Lobbyorganisation der deutschen Industrie in Versicherungsfragen.

Gemeinsam ist allen diesen Gesellschaften, dass sie sich auf die Versicherung von Industrie und Gewerbe konzentrieren. Ein lukratives Geschäft, denn die Versicherung deutscher Unternehmen ist zurzeit hochprofitabel. Die im vergangenen Jahr erfolgte Übernahme des Gerling-Konzerns durch den Konkurrenten Talanx/HDI öffnet außerdem Marktchancen, weil viele Kunden nach Alternativen suchen.

Nicht nur in der Industrieversicherung ist der deutsche Markt für die ausländischen Gruppen attraktiv. Hier nahm die Assekuranz 2006 rund 161 Mrd. Euro an Prämien ein, das macht den Markt zum größten in Europa. Die Branche verdient insgesamt prächtig. Und während andere Märkte, vor allem Großbritannien, den Strukturwandel lange hinter sich haben und von einer Handvoll großer Gesellschaften kontrolliert werden, hat die deutsche Assekuranz das noch vor sich. Der Markt ist stark zersplittert, eine Konsolidierung ist unausweichlich. Dazu werden die neuen Eigenkapitalanforderungen der Europäischen Union unter den Regeln von Solvency II einen großen Beitrag leisten.

Im Konsolidierungsspiel sehen ausländische Gesellschaften gute Chancen. Die Furcht, durch deutsche Spezialvorschriften benachteiligt zu werden, hat sich inzwischen gelegt – dafür hat die Vereinheitlichung in der EU gesorgt. Die französische Axa-Gruppe und die italienische Generali haben sich in den vergangenen 15 Jahren veritable und im Großen und Ganzen erfolgreiche Konzerne in Deutschland zusammengekauft. Das gilt Managern anderer internationaler Finanzkonzerne als Vorbild. Und im internationalen Vergleich weist der deutsche Markt vor allem in der Lebensversicherung noch Wachstumspotenzial auf. Pro Kopf zahlten die Deutschen 2005 nur 1042 $ Prämien an Lebensversicherer für Altersvorsorge und Risikoschutz, die Briten kamen auf 3287 $, die Schweizer auf 3078 $, und die Amerikaner auf 1753 $. Mit der politisch gewollten Reduzierung der gesetzlichen Rente, so das Kalkül, kann die Lebensversicherung mit hohen Wachstumsraten rechnen, ob als private oder betriebliche Vorsorge.

Die deutsche Assekuranz ist selbst international erfolgreich unterwegs. Allerdings weisen nur wenige Adressen globales Gewicht auf. Das ist vor allem der Münchener Gigant Allianz, der 2006 einen Umsatz von 101 Mrd. Euro und einen Gewinn von 7 Mrd. Euro aufweisen konnte. Nach der Allianz wird es allerdings merklich dünner mit der internationalen Präsenz. Die Münchener Rück und ihre Tochter Ergo sind zwar im Weltmaßstab tätig, ebenso der Talanx-Konzern mit seiner Tochter Hannover Rück. Wichtige einheimische Anbieter – etwa die Versicherer der Sparkassen oder die zum genossenschaftlichen Lager gehörende R+V – sind im Ausland dagegen kaum präsent.

Bekannt ist die deutsche Assekuranz international vor allem durch ihre Rolle als Rückversicherer. Hier wurde vor 160 Jahren mit der Kölnischen Rück der erste spezielle Rückversicherer gegründet. Auslöser für die Etablierung eines Versicherers der Versicherer war das Hamburger Feuer von 1842: Nach der Katastrophe gingen viele Feuergesellschaften aufgrund der hohen Schadenssummen in den Konkurs.

Jahrzehntelang war die Münchener Rück Weltmarktführer. Bis 2006: Dann zog der Rivale Swiss Re aus Zürich durch den Kauf von GE Insurance Solutions, der Nummer fünf weltweit, an den Deutschen vorbei und wurde damit zum größten Rückversicherer der Welt.

Der gesamte Rückversicherungsmarkt ist in Bewegung. Die früher vor allem regional aktive Hannover Rück entwickelte sich binnen zehn Jahren zur Nummer vier im Weltmaßstab. Zeitgleich verlor die Kölnische Rück unter ihrem neuen Mehrheitseigner, der von Warren Buffett kontrollierten Gen Re, deutlich an Bedeutung.

Die Konkurrenz um deutsche Rückversicherungskunden dürfte noch deutlich schärfer werden. Hoch kapitalisierte Gesellschaften auf Bermuda suchen dringend einen Ausgleich für von ihnen gezeichnete US-Sturmrisiken. Vor allem Deutschland steht ganz oben auf der Liste.

Zitat:

“ „Wir wollen langfristig im deutschen Markt aktiv sein“ “ – Masahiro Matsumoto, Mitsui Sumitomo Europe –

Bild(er):

Außenansicht des Allianzgebäudes in Berlin: Die 1889 in München gegründete Gesellschaft ist bereits seit 1890 in der deutschen Hauptstadt vertreten – Allianz Deutschland

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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