AOK greift erstmals Privatversicherer direkt an

Gesetzliche Krankenkasse bietet eigene Zusatzversicherungen an · Kampf gegen Mitgliederschwund

Von Ilse Schlingensiepen, Köln,und Timm Krägenow, Berlin Mit eigenen Zusatzversicherungen dringt die AOK Rheinland/Hamburg offensiv in den Markt der privaten Krankenversicherer (PKV) ein. Die Krankenkasse bietet ihren Versicherten die Möglichkeit, bei ihr selbst Versicherungsschutz für Auslandsreisen, die Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer im Krankenhaus oder die Mehrkosten beim Zahnersatz zu kaufen. „Die Mehrheit der Versicherten will Angebote aus einer Hand“, sagte der Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland/Hamburg, Wilfried Jacobs.

Bisher durften nur PKV-Unternehmen Zusatzversicherungen verkaufen. Seit Anfang 2004 sind zwar Kooperationen zwischen gesetzlichen und privaten Versicherern möglich, dabei waren die Kassen aber auf die Rolle des Vermittlers beschränkt.

Die neuen Tarifangebote der AOK Rheinland/Hamburg sind bereits vom Landesversicherungsamt Nordrhein-Westfalen genehmigt worden. Die Kasse will sie in den nächsten Wochen auf den Markt bringen. Mit den neuen Angeboten gehe die AOK nicht in neue Leistungsbereiche, sagte Jacobs. Allen Angeboten liege eine Kassenleistung zugrunde, nur die Kosten würden nicht voll von den Kassen getragen. Dieser Interpretation ist das Landesversicherungsamt offenbar gefolgt. Auch das für bundesweit tätige Kassen zuständige Bundesversicherungsamt hat bereits zu erkennen gegeben, dass es solche Tarife für genehmigungsfähig hält. „Ich gehe davon aus, dass weitere kreative Krankenkassen in allernächster Zukunft diese Chance nutzen werden“, sagte Jacobs.

Der Verband der Privatversicherer übte scharfe Kritik. Diese neue Art von Wettbewerb sei nicht fair, sagte der Direktor des PKV-Verbands, Volker Leienbach. „Hier tritt ein Sozialversicherungsträger in Konkurrenz zu Privatunternehmen.“ Er kündigte an, die Tarife rechtlich überprüfen lassen.

„Die Initiative ist meines Erachtens ein Verstoß gegen EU-Wettbewerbsrecht“, sagte Roland Weber, Vorstand des PKV-Marktführers Debeka. Dass es im Bundesgesundheitsministerium immer mehr Befürworter solcher Möglichkeiten gebe, sei ein Bruch des Koalitionsvertrags, der den fairen Wettbewerb zwischen GKV und PKV festschreibe.

Die neue Aktion der AOK Rheinland/Hamburg steht vor dem Hintergrund zunehmender Mitgliederwechsel zwischen den gesetzlichen Krankenkassen. Nach Informationen der FTD haben in den ersten drei Monaten dieses Jahres die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) 157 000 Mitglieder verloren. Die Techniker Krankenkasse dagegen gewann im ersten Quartal nach eigenen Angaben 53 000 Mitglieder dazu. Ein stärkerer Wettbewerb zwischen den gesetzlichen Krankenkassen ist eines der ausdrücklichen Ziele der Gesundheitsreform. Derzeit versuchen alle Kassen, sich für den im Jahr 2009 startenden Gesundheitsfonds eine möglichst gute Ausgangsposition zu sichern. Sie setzen vor allem auf Prämien-Rückerstattung und Wahltarife.

Als Auslöser für den starken Mitgliederschwund der AOK nannten Experten vor allem die Beitragserhöhungen Anfang 2007. In Berlin und Rheinland-Pfalz liegen die AOK-Beitragssätze über 15 Prozent, weit über dem Durchschnitt von 13,9 Prozent. Dazu passt, dass im Bundesvergleich die AOK Rheinland-Pfalz mit mehr als 24 000 Mitgliedern den höchsten Verlust meldete. Der Chef der AOK Rheinland-Pfalz, Walter Bockemühl, bestätigte die Zahl. „Angesichts der dramatischen Beitragssatzerhöhung von 13,9 auf 15,5 Prozent, die wir vornehmen mussten, sind wir mit dieser Entwicklung noch zufrieden.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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