Die Karten werden neu gemischt

Der deutsche Versicherungsmarkt ist immer noch stark fragmentiert. Seit Jahren sagen Experten die große Konsolidierung voraus – und irren. Die Änderungen unter Solvency II könnten zum Auslöser werden dsfgsd fs

VON Herbert Fromme Die neuen Regeln unter Solvency II können den Druck in Richtung Polarisierung und Konsolidierung in der Assekuranz verstärken. Davon geht Wolfgang Rief aus, Analyst bei der Ratingagentur Standard & Poor’s.

Rief kennt den deutschen Markt gut. „Anders als in Großbritannien und in den nordischen Ländern sind die kontinentaleuropäischen Märkte noch vergleichsweise fragmentiert“, sagt Rief. Wer überleben wolle, müsse in seiner Branche einfach sehr gut sein. „Das können Größe und Diversifizierung sein, das kann aber auch eine Nische sein oder ein besonderer Vertriebsweg.“ Ein kleiner Versicherer müsse nicht unbedingt verlieren. „Wer Gemeinschaftslösungen intelligent nutzt, zum Beispiel Kooperationen, hat gute Chancen.“ Wer dagegen als kleiner oder mittelgroßer Versicherer Standardprodukte nach altem Muster vertreibe, sei in einer „eher unbequemen“ Position. „Aus dieser Kategorie kommen die Opfer der Konsolidierung.“

Solvency II werde die Konsolidierung in den kontinentaleuropäischen Kernmärkten beschleunigen, so Rief. Das sei schon heute fühlbar – denn viele Versicherer arbeiteten bereits auf neuen Grundlagen, die in die Richtung von Solvency II gingen.

Standard & Poor’s sieht drei Gründe für den Zusammenhang zwischen der geplanten EU-Richtlinie und dem Verschwinden mancher Unternehmen. „Die Kapitalanforderungen werden deutlich erhöht, weil erstmals auch die Investmentrisiken adäquat erfasst werden“, sagt Rief. Bei den meisten reiche das Kapital aus, bei anderen könnten Aktionäre oder Eigner nachschießen – aber nicht bei allen.

In Deutschland kommt noch ein Sonderfaktor hinzu: Das neue Versicherungsvertragsgesetz stellt ebenfalls weitreichende Anforderungen an die Assekuranz, die höchst kapitalintensiv werden können. Auch die neue Vermittlerrichtlinie der EU erhöht Kosten und Transparenzanforderungen für die Versicherer.

Der zweite Grund: Solvency II wirkt sich anders auf breit aufgestellte Gruppen aus als auf kleine, wenig diversifizierte Gesellschaften. „Höhere Diversifizierung hilft den Gesellschaften“, sagte Rief. Das führe zu einer relativen Verringerung der Kapitalanforderungen. „Deshalb können sie billiger anbieten.“ Kleinere Anbieter könnten schwer mithalten, wenn sie nicht kluge, gemeinschaftliche Lösungen fänden.

Der dritte Grund: Das System erfordert einen hohen Aufwand für Risikomanagement, einschließlich entsprechender IT-Systeme. „Es gibt viele kleine Versicherer, die keine Aktuare haben und erst recht keine adäquaten Risikomanagementsysteme.“ Für sie stellt sich die Frage, ob sie durch zusätzliches Personal oder Dienstleister diese Mängel ausgleichen können – oder lieber Unterschlupf suchen bei einer größeren Gruppe, die besser dasteht.

Thomas Steffen, Chef der Versicherungsaufsicht innerhalb der BaFin, sieht ebenfalls eher indirekte Wirkungen. „Die künftigen Solvency-II-Anforderungen sollen niemanden aus dem Markt drängen“, sagt er. „Aber Versicherungsunternehmen sind und bleiben ganz normale Wirtschaftssubjekte, die im Wettbewerb bestehen müssen.“ Und der werde vor allem auf europäischer Ebene unter Solvency II sicher nicht abnehmen. „Klares politisches Ziel ist die Stärkung des europäischen Binnenmarkts für Versicherungen.“

Die BaFin hat aber das Problem erkannt, dass sehr kleine Versicherer durch Solvency II fast automatisch unter die Räder kommen könnten, wenn die Standardmodelle entsprechend komplex sind. Steffen will deshalb mehr kleine Versicherer von den strikten Vorschriften befreien.

Nach den bisher von der EU geplanten Regeln sollen Gesellschaften mit weniger als 5 Mio. Euro Bruttoprämien pro Jahr ausgenommen werden. „Das ist vor mehreren Jahren so geplant worden und müsste zumindest um die Inflation adjustiert werden“, sagt Steffen. „Die kleinen Versicherer haben durchaus Interesse, sich an Solvency II zu beteiligen.“ Auch sie wollten ihre Risikokontrolle deutlich verbessern. Voraussetzung sei, dass die Standardformeln nicht zu komplex seien. „Können sie die Standardformel als kleine Versicherer selbst berechnen, könnte es sogar beim heutigen Schwellenwert bleiben“, so Steffen. „Fällt sie zu komplex aus, spricht vieles für eine Anhebung, zum Beispiel auf 10 Mio. Euro.“ Das müsste dann in der EU durchgesetzt werden. Etwa 70 Gesellschaften unter BaFin-Aufsicht haben einen Beitrag von unter 5 Mio. Euro, weitere 40 zwischen 5 Mio. Euro und 10 Mio. Euro. Außerdem stehen 992 meist kleine Gesellschaften unter Länderaufsicht.

Zitat:

“ „HöhereDiversifizierunghilft denGesellschaften“ “ – Wolfgang Rief, S&P –

Bild(er):

Das Risiko, einen Schaden an einem Körperteil zu erleiden, empfinden viele Prominente als existenzbedrohend. Jennifer Lopez‘ Po soll hoch versichert sein – ddp/Sebastian Willnow

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit