Ein Fallfür drei

Der Kampf um ABN Amro stellt die Spielregeln der Bankenwelt auf den Kopf: Erstmals soll ein führender europäischer Bankkonzern von drei Konkurrenten feindlich übernommen werden. Die Großen der Finanzbranche sind alarmiert – und rüsten sich

Von Titus Kroder, London, Tim Bartz, Frankfurt, und Sven Clausen, Hamburg Wenn „Fred the Shred“ Hand anlegt, halten alle die Luft an. Er verfolgt oft geniale Pläne, und sie gehen nicht ohne Schmerzen für andere ab. Fred Goodwin, der bescheiden auftretende Chef der Royal Bank of Scotland (RBS), ist der Mann, der mit einem guten Dutzend Übernahmen in nur wenigen Jahren aus einer schottischen Regionalbank ein globales Top-Institut gezimmert hat. „Der Schredder“ wird der 48-jährige Schotte genannt, weil er geschickt Zukäufe eingliedern kann und dabei ein ziemlicher Kostenkiller ist.

Nun tüftelt der gelernte Buchhalter erneut an einem großen Plan, der in der Finanzbranche Geschichte schreiben und jede Menge Tabus brechen wird. Erstmals soll eine führende europäische Bank von drei Konkurrenten übernommen werden. Das Besondere: Die Dreierallianz will nach Art so genannter „Club Deals“, die man bisher überwiegend von Finanzinvestoren kannte, den Konkurrenten komplett zerlegen. Der RBS-Chef hat sich dazu mit Santander aus Spanien und dem belgisch-niederländischen Finanzkonzern Fortis verbündet.

Opfer des dreisten Filetierungsvorhabens ist die größte niederländische Bank, ABN Amro, die sich seit März eigentlich in freundschaftlichen Fusionsverhandlungen mit Barclays, Großbritanniens drittgrößter Geschäftsbank, befindet.

Barclays-Chef John Varley verfolgt ebenfalls ein monumentales Ziel, das nun torpediert wird: Er will die weltweite Nummer sechs der Branche schmieden. Am Freitag enden die um zwei Tage verlängerten Exklusivgespräche. Und schon jetzt bahnt sich eine beispiellose Bieterschlacht an.

Der Kampf um ABN Amro, die 183-jährige niederländische Traditionsbank, markiert eine Zeitenwende in der Branche. Der Kauf des Instituts durch eine Dreierallianz käme einer feindlichen Übernahme gleich – bisher war das undenkbar in der Bankenwelt. „Das ist eine völlig neue Dimension“, sagt ein Banker, der sich an der Übernahmefront befindet, „das hat es in der Form noch nicht gegeben.“ Plötzlich scheint alles möglich. Bislang galt: Die Großen knacken die Kleinen. Jetzt können auch viele kleinere Institute sich verbünden und einen größeren Konkurrenten zerschlagen. „Inzwischen ist bei den strategischen Interessenten die Erkenntnis gereift: Was Private-Equity-Investoren wie Cerberus oder andere können, das können wir auch“, sagt eine Führungskraft einer deutschen Investmentbank. Größe allein schützt nicht mehr, lautet die neue Parole.

Und so sind die Schwergewichte der Finanzbranche alarmiert. Sie ahnen, dass der ABN-Amro-Deal eine für sie gefährliche Blaupause liefern könnte. Der weltgrößte Rückversicherungskonzern Münchener Rück etwa – an der Börse notorisch unterbewertet – hat das bereits erkannt und hektisch einen lang diskutierten Sanierungsplan verabschiedet, um sich gegen feindliche Übernahmen zu rüsten.

RBS-Chef Goodwin hat genaue Vorstellungen, wie sich die Dreierbande die Beute aufteilt: Demnach will RBS das Asiengeschäft von ABN, die US-Retailtochter der Holländer, LaSalle, sowie die wertvollen Kunden im Firmen- und Kapitalmarktgeschäft haben.

Die spanische Santander-Gruppe verleibt sich die starken Lateinamerika-Standorte ein. Zusätzlich wollen sich die Spanier die Italientochter Antonveneta herausschneiden. Für Fortis sollen wiederum das niederländische Allfinanzgeschäft, zu dem Konten und Versicherungen für Kleinkunden gehören, aber auch das Vermögensmanagement und das Privatkundengeschäft abfallen.

Barclays-Chef Varley und Goodwin verfolgen also zwei fundamental gegensätzliche Konzepte – und dürften sich deshalb einen ansehnlichen Bieterkampf liefern. Der Börsenwert der Niederländer, der seit fünf Jahren der Branche hinterherhinkt, ist seit März um 23 Prozent auf gestern 69,6 Mrd. Euro gestiegen. Wer immer sich den Konzern sichert, es wäre die bisher teuerste Übernahme der Bankenbranche.

In Goodwins Kommandozentrale ist man ziemlich siegesgewiss. Bereits in den vergangenen Wochen hat sich der Brite als gewiefter Taktierer erwiesen.

Das Ganze beginnt im Februar: Der Hedge-Fonds TCI, rebellischer ABN-Großaktionär, löst das Rennen mit ein paar kritischen Bemerkungen aus. Goodwin wartet zunächst ab, lässt Barclays und ABN erste Gespräche führen. Während etliche Branchenanalysten die geplante Fusion kritisch beurteilen, streckt er die Fühler in Richtung Santander und Fortis aus und formuliert ein schlagendes Argument für seinen Plan. „Das Problem, das Barclays mit ABN hat, ist, dass die Holländer zwar weltweit vertreten sind, aber überall jeweils nur ein recht kleines Geschäft haben“, sagt ein Insider des RBS-Konsortiums.

Tatsächlich ist das Dilemma für Barclays-Chef Varley nicht leicht zu lösen. „Er hat kaum Einsparungsmöglichkeiten bei dem Zusammenschluss, weil sich die Geschäftsbereiche so gut wie nicht überlappen“, sagt Eleonor Yeh, Analystin von Société Générale. „Es geht allein um Größe, was den Preis beschränkt, den Varley bieten kann.“ Sie empfiehlt, der Barclays-Chef solle sich doch ebenfalls die besten Teile an ABN abschneiden – und den Rest an andere weiterverkaufen.

Doch das ist nicht die Linie des Briten, der sich mit seinem Gegenüber bei ABN, Vorstandschef Rijkman Groenink, bereits auf Eckpunkte geeinigt hat. Danach soll Barclays/ABN die Zentrale in Amsterdam beziehen und Varley Chef werden. Vorbild sind andere britisch-niederländische Konzerne wie Unilever oder Shell. Damit sollen vor allem nationale Empfindlichkeiten berücksichtigt werden. ABN Amro ist zwar seit vielen Jahren nur mäßig ertragsstark, aber eben doch das größte Kreditinstitut der Niederlande – eines der wenigen internationalen Konzernchampions der Oranier.

Zum heiklen Thema Kaufpreis dringt aus beiden Lagern bisher noch so gut wie nichts nach außen. Erwartet wird, dass Barclays die Latte zunächst auf 35 Euro pro ABN-Aktie legen wird. Viel Luft nach oben sei dann aber nicht mehr, sagen Branchenexperten.

Das Bündnis um Fred Goodwin könne sich immerhin bis zu 40 Euro leisten, da die einzelnen Banken jeweils nur Geschäftsfelder übernehmen, die sie schon haben – die Synergien also groß sind.

Der Phantasie scheinen in diesen Tagen keine Grenzen mehr gesetzt. Beim Aktienhändler Keefe, Bruyette & Woods hat man sogar das „optimale Konsortium“ für den Kauf zusammengestellt, eine Art Dreamteam, das den höchsten Ertrag aus der Zerlegung von ABN Amro beziehen könnte: Eine Allianz aus Bank of America, Bank of Montreal und der niederländischen ING könnte gegenüber ihren Aktionären einen Kaufpreis von bis zu 45 Euro rechtfertigen, schreiben die Analysten des Brokers in einer Studie. „Wer immer noch ins Spiel kommt: Ein Konsortium dürfte den längeren Atem haben als Barclays allein“, sagt auch Eleonor Yeh von Société Générale.

Kai Lucks, der dem Bundesverband Mergers & Acquisitions vorsteht, sieht einen Trend: „Bei diesen Größenordnungen rechne ich damit, dass sich immer häufiger Konsortien bilden müssen. Die Aktionäre würden es nicht gutheißen, wenn ein Investor alle Eier in einen Korb legt.“

Lucks, der hauptberuflich beim Siemens-Konzern für die Integration übernommener Unternehmen zuständig ist, weist auf einen weiteren Vorteil der Konsortiallösung hin: „Bei großen Deals muss immer überlegt werden, ob nicht die Kartellbehörden Wettbewerbshindernisse sehen.“ Das sei bei einer Übernahme durch ein Konsortium, das das Zielunternehmen unter sich aufteile, natürlich weniger problematisch.

Und so schauen in den nächsten Tagen zahlreiche Strategen wie elektrisiert auf einen Schauplatz, auf dem sich ganz neue Akteure tummeln. Unter anderem in München.

Schon hat man auch bei der sonst eher schwerfälligen Münchener Rück reagiert – und in aller Eile das Sanierungsprogramm „Changing Gear“ verabschiedet. Damit will Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard das Unternehmen auf Wachstumskurs zwingen. Der Konzern ist trotz seiner Rekordgewinne angreifbar. Einen Großaktionär, der seine schützende Hand über den Versicherer hält, gibt es nicht mehr – rund 70 Prozent der Aktien liegen im Ausland. „Von Bomhard weiß jetzt, dass er mit dem Aktienkurs etwas tun muss“, sagt ein Banker.

Noch gibt sich von Bomhard überzeugt, feindliche Übernahmen abwehren zu können. Ein Manager ist sich da allerdings nicht ganz so sicher. „Wer in seinem Geschäftsfeld nicht wächst, überschüssiges Kapital hat und Rekordgewinne einfährt, wird zwangsläufig zum Ziel für mögliche Jäger. „

Vielleicht wird also bald wieder Geschichte geschrieben. In der Versicherungsbranche. Mitarbeit: Herbert Fromme

Bild(er):

Das Logo der ABN Amro ist ein Schild. Ein Konsortium aus drei Konkurrenten attackiert die Bank

www.ftd.de/ABN

www.ftd.de/ABN

Die Spieler im Übernahmepoker

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit