Frei von Ecken und Keimen

Wenn Anlagen schwer zu reinigen sind, drohen lange Stillstände und Hygienerisiken

Von Patrick Hagen Mehrere Millionen Liter Milch fließen täglich durch die Rohranlagen einer mittelgroßen Molkerei. In den Biegungen, Verbindungsstücken und Schweißnähten der Rohre liegt ein hohes Gesundheitsrisiko. „Milch, die zu lange in der Rohrleitung steht, bildet Keime“, sagt Knuth Lorenzen von der Firma GEA Tuchenhagen aus Bochum. Die Firma baut hygienegerechte Maschinenteile. Die Produktpalette reicht von einfachen Pumpen bis zur kompletten Molkerei. Zu den Kunden von Tuchenhagen gehören Getränkehersteller, Pharmakonzerne und Kosmetikfirmen.

Die Verarbeitung von Lebensmitteln stellt höchste Anforderungen an die eingesetzten Maschinen und Anlagen. Wenn Firmen verunreinigte Nahrungsmittel oder Medikamente auf den Markt bringen, drohen ihnen neben finanziellen Einbußen durch Produkthaftung oder aufwendige Rückrufaktionen auch empfindliche Imageschäden.

Mit Maschinen, die ohne Ecken und Ritzen auskommen und sich leicht reinigen lassen, können Firmen außerdem direkt Kosten sparen: Während der Reinigung stehen die Maschinen still und produzieren nichts. Wenn die Maschine zur Reinigung auseinandergenommen werden muss oder Produktreste leicht an den Wänden hängen bleiben, sind die Stillstandskosten noch höher.

Oft machen kleine Details wie eine möglichst glatte Oberfläche den Unterschied zwischen einem leicht und einem schwer zu reinigenden Bauteil: „Das Hauptproblem sind tote Räume, an denen Produktreste hängen bleiben können und die sich nur schwer reinigen lassen“, sagt Lorenzen von GEA Tuchenhagen.

Auch unauffällige Bauteile wie Schaltschränke, die nicht direkt mit dem Produkt in Berührung kommen, können Hygienerisiken bergen. Auf ihrer Oberseite kann sich nach der Reinigung Spülwasser sammeln, und es können sich Keime bilden. „Die Oberseite muss abgeschrägt sein, damit Wasser und Reinigungsmittel ablaufen können“, sagt Heinz Schmitt von der Firma Rittal, dem nach eigenen Angaben weltweit größten Hersteller von Schaltschränken. Außerdem vermeiden die Hessen Spalten oder machen sie breit genug, damit sie sich leicht reinigen lassen. Das Unternehmen hat eine Produktreihe entwickelt, die auf die hygienischen Anforderungen der Lebensmittelindustrie ausgerichtet ist. Bisher sei das unauffällige Bauteil, hinter dem sich die Stromzufuhr versteckt, unter Hygienegesichtspunkten eher vernachlässigt worden.

Die Gestaltung der Maschinerie nach hygienischen Maßstäben hat aber auch Grenzen. „Man kann nicht alles glatt gestalten“, sagt Richard Clemens vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau (VDMA). Bei Mischern, wie sie in der Lebensmittel- und Medikamentenherstellung häufig verwendet werden, gibt es immer eine Welle, die befestigt werden muss und so eine Angriffsfläche für Keime bietet.

Das Geschäft mit hygienischen Maschinenbauteilen boomt – auch weil die Vorschriften für die Hersteller immer strenger werden. VDMA-Experte Clemens sieht gute Wachstumschancen für die Hersteller, auch im Ausland. Vor allem die neuen EU-Beitrittsländer hätten noch großen Nachholbedarf, deutsche Firmen seien weltweit führend in der hygienegerechten Konstruktion von Maschinen.

Zitat:

„Man kann nicht alles glatt gestalten“ – Richard Clemens, VDMA –

 

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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