Individualitätzahlt sich aus

Die Aufsichtsbehörden stellen der Assekuranz eine Standardformel für die Umsetzung der neuen Eigenkapitalvorschriften der Europäischen Union zur Verfügung. Aber für die Versicherer wird es sich lohnen, selbst Lösungen zu finden dsfgsd fs

VON Anja Krüger Für Risikomanager Frank Lange vom Berliner Versicherer Ideal ist Solvency II schon längst kein Buch mit sieben Siegeln mehr – obwohl er genauso wenig wie seine Kollegen in den Häusern der europäischen Assekuranz weiß, wie die neuen Regeln für das Eigenkapital der Branche im Detail aussehen werden. „Wir sammeln Daten, füttern unser Rechenmodell damit und spielen verschiedene Szenarien durch“, sagt Lange. Das Ergebnis sind verschiedene Excel-Tabellen, die Auskunft über die finanzielle Solidität des Versicherers geben.

Was auf den ersten Blick einfach erscheint, ist eines der kompliziertesten Projekte in der Geschichte der Versicherungswirtschaft. Die Europäische Kommission plant unter dem Stichwort Solvency II die Einführung neuer Vorschriften für die Kapitalausstattung von Versicherern, die für alle Länder der EU einheitlich sein sollen. Damit wollen die Europapolitiker Verbraucher besser vor Pleiten in der Assekuranz schützen. Die Länder der Union verlagern immer mehr Elemente der Daseinsvorsorge aus den staatlichen Systemen in die Privatwirtschaft, etwa im Bereich der Altersvorsorge. Kunden müssen sich darauf verlassen können, dass die Anbieter langfristig stabil sind.

Wie viel Eigenkapital die Aufsichtsbehörden heute von einem Versicherer fordern, hängt davon ab, wie viel Geschäftsvolumen das Unternehmen hat. In Zukunft werden die Aufsichtsbehörden europaweit das geforderte Eigenkapital von der Höhe und der Qualität der übernommenen Risiken des Versicherers abhängig machen. Damit wollen sie Anreize für Versicherer schaffen, Gefahren früh zu erkennen und auf sie zu reagieren. Dabei werden künftig auch die Risiken bei der Kapitalanlage einbezogen, die bisher für die Höhe des Kapitalbedarfs keine Rolle spielten. Wer riskanter anlegt, braucht mehr Eigenkapital.

Unternehmen mit einem guten Risikomanagement wird die Aufsicht damit belohnen, dass sie weniger Eigenkapital vorhalten müssen als Gesellschaften mit einem schlechten. Noch ist unklar, welche Kriterien für eine gute Gefahrenvorbeugung gelten werden. Ungewiss ist auch, welche Methoden und Maßstäbe Versicherer und Aufseher im Detail zur Messung der Finanzstärke anwenden. Viele Gesellschaften wollen nicht warten, bis das feststeht. „Die deutschen Versicherer bereiten sich gut und intensiv auf Solvency II vor“, sagt Thomas Schubert, Leiter des Betriebswirtschaftlichen Instituts des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Eine Möglichkeit dafür ist die Teilnahme an den QIS (Quantitative Impact Study) genannten Auswirkungsstudien, die von der europäischen Organisation der Aufseher gemeinsam mit Länderorganisationen durchgeführt werden. Die Berliner Gesellschaft Ideal hat sich wie etwa 150 weitere deutsche Versicherer an den bisherigen Tests beteiligt. Auf diesem Weg will die EU Schritt für Schritt eine Standardformel entwickeln. Mit ihr können Versicherer ermitteln, wie viel Kapital sie haben, haben sollten und mindestens haben müssen. In Frankreich haben 80, in Großbritannien 40 Gesellschaften an den Studien teilgenommen, obwohl auch diese Länder große Versicherungsmärkte haben.

Die Ideal ist ein kleiner Versicherer und hat sich auf die Zielgruppe Senioren spezialisiert. „Das Ziel ist, die eigenen Risiken so gut wie möglich zu kennen“, sagt Risikomanager Lange. Bei den bisherigen Testläufen haben die Mathematiker, Kapitalanleger und Risikomanager der Gesellschaft unter Berücksichtigung von Aktiv- und Passivseite der Bilanz verschiedene Szenarien durchgespielt, etwa wie sich die Kapitalanlagen bei einem Dax-Stand von 4000 Punkten oder 7000 Punkten entwickeln würden.

Für die Ideal werde sich eine individuelle Abwandlung des Standardmodells anbieten, sagt Lange. Denn im Bereich Pflegerente ist die Gesellschaft nach eigenen Angaben unter den Lebensversicherern Marktführer. „Wir haben bessere Daten als der Markt“, sagt er. Die Gesellschaft hat viel Erfahrung mit diesen Verträgen und kann Schäden sehr gut kalkulieren. „Je besser man sein Risiko im Griff hat, desto weniger Eigenkapital ist erforderlich“, sagt Lange.

Was die Risikomanager der Ideal vorhaben, nennen Insider „Partialmodell“. Das ist der Kompromiss zwischen der zurzeit von den Aufsichtsbehörden entwickelten Standardformel und einem komplett eigenen Modell, mit dem Versicherer auch arbeiten dürfen. Individuelle Lösungen muss die Aufsicht genehmigen. „Etwa zwei Drittel der Gesellschaften werden zunächst mit dem Standardansatz arbeiten“, schätzt Aktuar Michael Klüttgens vom Beratungsunternehmen Tillinghast. Langfristig werde die Hälfte dieser Versicherer aber ebenfalls ganz oder teilweise eigene Wege gehen.

Marktführer Allianz zum Beispiel arbeitet schon heute mit einer individuellen Lösung. „Wir haben ein eigenes internes Risikokapitalmodell entwickelt, das wir bereits zur internen Steuerung einsetzen“, sagt Vorstand Helmut Perlet. „Wir arbeiten daran, die Kompatibilität mit den absehbaren Solvency-II-Anforderungen sicherzustellen, und wollen unsere Modelle so bald wie möglich im Detail mit der Aufsicht diskutieren.“

Auch anderer Versicherer gehen so vor. „Über interne Modelle lässt sich das Risikoprofil einer Gesellschaft besser abbilden“, betont Berater Klüttgens. Das ist für Versicherer nicht nur attraktiv, weil die Aufsicht sie dafür belohnt. „Es gibt erhebliche Synergieeffekte, zum Beispiel bei der Preiskalkulation“, sagt er.

Solche Synergieeffekte sieht auch der Chef des Kölner Gothaer-Konzerns, Werner Görg. „Wir betrachten das Thema Solvency II als Bekenntnis zu einer wertorientierten Unternehmensführung“, sagt Görg. Sein Credo: Nur wenn Manager verlässliche Zahlen haben, können sie Chancen für zusätzliche Ertragspotenziale erkennen. Dazu brauchen sie gute Messinstrumente. „Wir entwickeln ein eigenes Modell“, sagt Görg. Der Versicherer hat auf Konzernebene seine Bilanz bereits 2001 auf die internationalen Rechnungslegungsvorschriften IFRS umgestellt – obwohl der Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit auch bei der deutschen Bilanzierung nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) hätte bleiben können. „IFRS gibt einen klareren Blick auf die tatsächliche Wertentwicklung“, sagt Görg.

Bei lang laufenden Haftpflichtverbindlichkeiten zum Beispiel erfolge die Schadenrückstellung nach aktuariellen, vorher festgelegten Methoden und nicht wie beim HGB situativ und nach subjektivem Ermessen. Der Versicherer legt Wert darauf, in wichtigen Ratings gut abzuschneiden und die Manager im Erfolgsfall finanziell zu beteiligen. Die Ratingagentur Standard & Poor’s bewertet die Gothaer Sach- und Lebensversicherer mit einem „A“-Rating.

Zitat:

“ „Das Ziel ist, die eigenen Risiken so gut wie möglich zu kennen“ “ – Frank Lange, Ideal –

Bild(er):

Britische Wissenschaftler gehen davon aus, dass jeder zehnte Vater das Kind eines anderen für das eigene hält. Der britische Versicherer Huckleberry bietet mit der Kuckuckskind-Police für diesen Fall eine finanzielle Entschädigung an – Corbis/Mike Watson Images

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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