Münchener Rück ringt um Neuanfang

Getrieben von der Furcht vor einer Übernahme sucht der Rückversicherer nach einer neuen Strategie

Von Herbert Fromme, Köln,und Sven Clausen, Hamburg D ie Münchener Rück steht nach Ansicht von Versicherern und Bankern vor einem deutlichen Strategieschwenk. Damit will Konzernchef Nikolaus von Bomhard Anlegererwartungen befriedigen und eine Übernahme durch Private-Equity-Unternehmen oder Hedge-Fonds verhindern.

„Von Bomhard muss dem Unternehmen eine neue Perspektive geben“, sagte ein Manager, der das Unternehmen gut kennt. „In der gesamten Rückversicherung herrscht Bewegung, nur in München nicht.“ Swiss Re hat 2005 den Rivalen GE Insurance Solutions gekauft und damit die Münchener Rück als Weltmarktführer entthront. Der kleinere Konkurrent Scor will Converium kaufen. Berkshire Hathaway Re, der Rückversicherungsarm von Warren Buffetts Berkshire Hathaway, hat 2006 Volumen und Gewinn stark ausgebaut.

Die Münchener Rück dagegen kann zwar einen Rekordgewinn von 3,5 Mrd. Euro für 2006 vorweisen, wächst jedoch nicht mehr. Aber Kunden, Anleger und Mitarbeiter sind unzufrieden. „Die Kunden finden, dass sie woanders schneller und unbürokratischer bedient werden“, sagte ein Münchener-Rück-Manager. Viele Mitarbeiter fühlten sich entmündigt. „Das gilt gerade für die jüngeren unter ihnen.“

Auch bei Anlegern war der Konzern lange nicht besonders populär. „Die Münchener Rück war das letzte der Dax-Unternehmen, das noch in der alten Tradition der Deutschland AG stand“, sagte Michael Huttner, Analyst bei JP Morgan. Es sei höchste Zeit gewesen, dass etwas geschehe.

„Wenn das Management das nicht selbst hinkriegt, wird das jemand anders erledigen“, sagte Huttner weiter. Die Münchener Rück sei durchaus interessant als Übernahmekandidat. Huttner glaubt, dass sich dabei besonders die Aufspaltung des Konzerns in einen reinen Rückversicherer und einen Erstversicherer – die heutige Ergo-Gruppe – rechnen könne. „Die Münchener Rück zeigte sich unentschieden“, sagte er weiter. „Weder wächst das Unternehmen, noch gibt es den Anlegern sehr viel Kapital zurück.“ Der Aktienrückkauf vom Dezember über 1 Mrd. Euro sei „halbherzig“.

Konzernchef von Bomhard versucht, in die Offensive zu kommen. In einer Vorstandsklausur in Murnau am 3. und 4. März einigte sich das Gremium auf das Programm „Changing Gear“. Neue Deckungsformen, weniger Bürokratie, besserer Service für Kunden mit starkem Wachstumspotenzial sind Kernpunkte. An der Tochter Ergo dagegen wird nicht gerüttelt. Eine Meldung des Magazins „Focus“, dass mit Changing Gear ein bedeutender Personalabbau verbunden sei, dementierte der Konzern gestern.

„Die Münchener Rück muss sich mit neuen Marktgegebenheiten auseinandersetzen“, so ein intimer Kenner des Unternehmens. Die Großhändler des Risikoschutzes spüren weniger Nachfrage von den Erstversicherern, die mit Endkunden Geschäfte machen. „Die Erstversicherer kaufen insgesamt weniger Deckung. Für große Deals auch mit Endkunden, wie sie Berkshire Hathaway Re vorzeigen kann, haben die Münchener möglicherweise nicht die richtigen Leute.“ Da sei es schwer, ausreichend Wachstum zu generieren.

Gegner des Programms im Unternehmen sehen es als „reinen Aktionismus“. Von Bomhard habe schlicht Angst vor einer feindlichen Übernahme und wolle den Aktienkurs nach oben treiben, um eine solche Übernahme zu erschweren.

Bei einer Übernahme könnte das gerade stattfindende Spektakel um die Bank ABN Amro ein Vorbild sein, so die Sorge in München. Ein Finanzinvestor oder Hedge-Fonds macht den Vorstoß. Damit ist der Bann gebrochen. Dann kommt ein Stratege mit einem mehr oder weniger freundlichen Angebot, das dann als das kleinere Übel gilt und angenommen wird – so das Szenario. Mit 29,55 Mrd. Euro Marktkapitalisierung ist die Münchener Rück nicht zu groß für einen solchen Vorstoß. Nur die Sorge vor möglichen Altlasten, die im Versicherungsportfolio schlummern, könnte Investoren abhalten. An Gerüchten, dass Hedge-Fonds bereits angeklopft hätten, sei aber nichts dran, hieß es in Finanzkreisen.

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Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard versucht, die Unternehmenskultur zu modernisieren. Er reagiert damit auf Forderungen von Anlegern und Kunden. Kritiker werfen ihm Aktionismus vor – AP/Christof Stache

Agenda 29

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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