Schon damals eine sehr schwere Geburt

Vor mehr als 200 Jahren kamen die Mathematiker

Von Herbert Fromme Vor genau 224 Jahren gerieten die Vorläufer der deutschen Lebensversicherer in eine schwere Krise. Die Witwenkasse von Calenberg, nach Auskunft des Marburger Historikers Peter Borscheid mit 3700 Mitgliedern die größte Witwen- und Waisenkasse des 18. Jahrhunderts, musste 1783 die Leistungen drastisch kürzen – wie so viele Kassen vor ihr. Der Grund: Die Einrichtungen zur Versorgung von Witwen vor allem im Mittelstand wurden nach allen möglichen Prinzipien geführt, nur nicht mit sauberen Risikoberechnungen. Der vielbeachtete Publizist Rudolf Becker veröffentlichte 1789 eine Spottschrift mit dem Titel: „Die Kunst, Leute zu schröpfen, die noch nicht geboren sind; eine Lobrede auf die Todtenkassen und Trauerpfennig-, Denk- und Sterbethaler-Genossenschaften“. Der „Schatz-Deputierte“ der Calenbergischen Landschaft hielt Lebensversicherungen für ein „ausgesprochenes Hazzard-Spiel“, die damals schon vorhandenen Sterbetafeln lehnte er ab.

Die 1778 von der Hamburger Patriotischen Gesellschaft gegründete erste deutsche Lebensversicherung arbeitete dagegen schon mit Sterbetafeln, also aktuariellen Methoden. Das galt auch für die Neugründungen nach ihr – verhinderte aber nicht, dass auch die deutschen Kunden seither eine Reihe von Zusammenbrüchen und mehrere massive Entwertungsschübe hinnehmen mussten. Die Gründung der ersten Gesellschaft in Hamburg dauerte übrigens 13 Jahre – nur unwesentlich länger als der Solvency-II-Prozess.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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