Vorfreude auf neue Regeln

Risiken zu erkennen und zu bewerten ist die Kernkompetenz der Rückversicherer. Sie wollen Erstversicherern dabei helfen, die Anforderungen von Solvency II zu erfüllen

 

VON Patrick Hagen Während viele Versicherer der Einführung der neuen Eigenkapitalregeln Solvency II mit Unbehagen entgegensehen, sind die Rückversicherer guter Dinge. Sie erwarten eine steigende Nachfrage nach Rückversicherungsschutz bei ihren Kunden, den Erstversicherern, und wollen sich als Dienstleister auch neue Kunden erschließen. „Die Nachfrage nach Rückversicherungsschutz könnte bei allen Gesellschaften ansteigen“, sagt Eberhard Müller, Chief Risk Officer bei der Hannover Rück. Erstversicherer könnten künftig verstärkt Rückversicherungsschutz einkaufen, um das nötige Risikokapital zu senken.

 

Ergibt die Risikoanalyse eines Versicherers, dass er unter Solvency II mehr Kapital braucht, als er hat, kann er einen Teil des Risikos an einen Rückversicherer abgeben und damit die Kapitalanforderungen senken. Rückversicherer bieten Erstversicherern Deckung gegen Katastrophen und andere große Belastungen. Die traditionelle Rolle der Rückversicherer als Großhändler des Risikoschutzes könnte sich mit Einführung der EU-Richtlinie wandeln. „Der Fokus beim Einkauf von Rückversicherung bewegt sich immer mehr vom Schutz gegen Großschäden zu einem Eigenkapitalersatz“, sagt Ralf Quick von der zur Gen Re gehörenden Kölnischen Rück.

 

Große Rückversicherer, die weltweit tätig sind, haben ihre Risiken in der Regel stark diversifiziert. „Ein Nischenversicherer, der keine Risikodiversifikation hat, kann die Diversifikation eines Rückversicherers nutzen“, erwartet Münchener-Rück-Vorstand Thomas Blunck.

 

Nicht jeder teilt den Optimismus der Rückversicherungsbranche. Solvency II könnte auch das entgegengesetzte Resultat haben: Versicherer, die ihr Gesamtrisiko bisher nur vage kannten und im Zweifel eher zu viel als zu wenig Rückversicherungsschutz einkauften, blicken künftig besser durch. „Durch mehr Transparenz und Risikobewusstsein kann sich das Einkaufsverhalten der Erstversicherer ändern“, sagt Clemens Frey, Rückversicherungsexperte bei der Beratungsfirma KPMG.

 

Für ihre eigenen Unternehmen sehen die Rückversicherer Solvency II entspannt entgegen. Sie sind bei den Vorbereitungen im Vorteil: Risikomodelle sind für Rückversicherer kein Neuland. Die Gesellschaften stehen permanent unter dem Druck von Ratingagenturen, die Risikostruktur und Kapitalausstattung genau unter die Lupe nehmen. Ohne ein gutes bis sehr gutes Rating einer Agentur wie Standard & Poor’s oder Moody’s ist es für einen Rückversicherer kaum möglich, im Geschäft zu bleiben. „Für die Rückversicherer gab es schon eine De-facto-Regulierung für den Kapitalbedarf durch die Ratingagenturen“, sagt Müller von der Hannover Rück. „Wir sind dem Markt eine ganze Ecke voraus.“ Die meisten großen Rückversicherer haben schon eigene Risikomodelle.

 

Außerdem gehören Eigenkapitalstärke und der Umgang mit Risiken zu den klassischen Kompetenzen eines Rückversicherers. „Die Anforderungen von Solvency II, also Risiken erfassen, modellieren und mit Kapital hinterlegen, entsprechen im Grunde dem Geschäftsmodell eines Rückversicherers“, sagt Blunck von der Münchener Rück.

 

Auch für die Rückversicherer sieht Solvency II eine stärkere Orientierung der Mindestkapitalausstattung an den tatsächlich übernommenen Risiken vor. Dazu gehören auch Kapitalanlagerisiken. „Wir haben schon einen Abbau von Kumulrisiken auf der Aktivseite der Bilanz betrieben“, sagt Blunck. Die Münchener Rück hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Beteiligungen an deutschen Unternehmen reduziert. Vor allem die starke gegenseitige Verflechtung mit der Allianz wurde aufgelöst.

 

Viele Rückversicherer hoffen darauf, dass die Einführung von Solvency II ihre Abhängigkeit von den Ratingagenturen lockern wird. „Es kann sein, dass durch die Verwendung von aufsichtsrechtlichen Risikomodellen eine Alternative zu der Bewertung durch Ratingagenturen geschaffen wird“, sagt Kölnische-Rück-Manager Quick. Auch Müller von der Hannover Rück kann sich einen steigenden Einfluss der Aufsicht vorstellen. „Es könnte passieren, dass das Zepter über die risikogerechte Kapitalausstattung wieder bei der Aufsicht landet“, sagt er.

 

Die Zusammenarbeit zwischen Erst- und Rückversicherern wird künftig enger werden, glaubt Blunck. „Je umfangreicher das Risikomodell ist, desto mehr Daten müssen erfasst, analysiert und modelliert werden.“ Mit ihrem Know-how in der Risikoerkennung öffnet sich für die Rückversicherer ein neues Geschäftsfeld. Sie helfen Erstversicherern als Dienstleister, die Anforderungen von Solvency II zu erfüllen. „Wir bieten Hilfestellung bei der Identifikation der vorrangig zu behandelnden Risiken“, sagt Müller. Auch andere Rückversicherer sind in diesem Feld aktiv. „Hier bietet sich die Chance, stärker in die strategische Risikoberatung der Erstversicherer zu gehen“, sagt Quick. Dass Rückversicherer vollständige interne Risikomodelle für Erstversicherer entwickeln könnten, glaubt er nicht. „Die meisten Erstversicherer wollen nicht alle Daten offenlegen. Irgendwo wird es Grenzen geben“, sagt Quick.

 

Zitat:

 

“ „Wir sind dem Markt eine ganze Ecke voraus“ “ – Eberhard Müller,Hannover Rück –

 

Bild(er):

 

Für wertvolle Pferde lohnt sich der Abschluss einer Lebensversicherung. Diese springt auch ein, wenn das Pferd nicht mehr geritten werden kann. Hoch gefährdete Rennpferde sind allerdings ausgeschlossen – Corbis/Leo Mason

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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