WestLB wappnet sich gegen Verfolgung

Strafanzeige gegen frühere Mitarbeiter bietet Bankvorstand Experten zufolge Schutz vor möglichen rechtlichen Folgen

VON Nina Luttmer, Herbert Fromme, Tim Bartz, Düsseldorf, und Ute Göggelmann, Frankfurt D er Vorstand der WestLB schützt sich mit der überraschenden Strafanzeige gegen zwei frühere Mitarbeiter laut Experten selbst vor Strafverfolgung. „So wollen die Vorstände und Aufsichtsräte möglicherweise auch dokumentieren, dass sie rechtswidriges Verhalten unterbunden haben“, sagte der Fachanwalt und Kapitalmarktexperte Klaus Nieding der FTD. Jedoch treffe sie der Vorwurf eines möglichen Organisationsverschuldens nur, wenn sie bereits früher Kenntnis von diesen Vorgängen hatten und die damals gebotenen Maßnahmen unterlassen hätten, sagte er.

Die Bank hatte am Montag vergangener Woche zwei leitende Mitarbeiter aus dem Bereich Eigenhandel mit Aktien entlassen. Zunächst erklärte sie die Trennung nur damit, dass die beiden Mitarbeiter wiederholt ihre Handelslimits überschritten hätten. Gestern erstattete das Institut auch Strafanzeige gegen die beiden Ex-Angestellten sowie gegen unbekannt wegen Verstößen gegen das Wertpapierhandelsgesetz. Beide waren für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Nach Informationen der FTD stehen WestLB-Mitarbeiter unter dem Verdacht, seit 2001 Kursmanipulationen am Aktienmarkt betrieben zu haben – zunächst mit Papieren von Metro und BMW, später von VW. Die Händler, so der Vorwurf, setzten auf ein Sinken des Spreads – der Kursdifferenz zwischen Vorzugs- und Stammaktien. Stammaktien sind im Gegensatz zu Vorzugsaktien mit Stimmrechten ausgestattete Papiere, Inhaber von Vorzugsaktien erhalten in der Regel eine höhere Dividende.

Beim WestLB-Engagement handelte es sich aber nicht einfach um eine Wette auf die Entwicklung des Spreads. Um zu gewährleisten, dass der Spread sich in die von ihnen gewünschte Richtung entwickelte, kauften und verkauften die WestLB-Händler in den abendlichen Schlussauktionen in großem Maße vor allem Vorzugsaktien. „Die Händler sorgten jeden Abend dafür, dass der Kurs ein ihnen genehmes Niveau hatte“, sagte ein Banker. Damit erreichten sie bei BMW eine Angleichung der Kurse von Stämmen und Vorzügen und so saftige Buchgewinne.

Das Problem: Das Institut sitzt auf hohen Positionen. Nach Angaben von WestLB-Bankern hält es 30 Millionen Stück Vorzugsaktien von BMW und ist gleichzeitig 30 Millionen Stück „short“ bei den Stammaktien.

Die Bank hat sich so viele Papiere bei Fonds und anderen geliehen. BMW hat insgesamt nur 52 Millionen Vorzugsaktien ausgegeben, täglich werden selten mehr als 400 000 Stücke gehandelt. „Die Position kann die WestLB nie abbauen, es sei denn, sie verkauft sie mit einem saftigen Abschlag an einen Fonds“, sagte ein Banker.

Die WestLB-Spitze wollte die Zahl 30 Millionen nicht kommentieren, sieht aber grundsätzlich kein Problem. „Wir können Positionen lange halten“, sagte ein Sprecher. Möglicherweise gebe es auch eine Gesetzesänderung, und die Vorzugsaktie werde als Sonderform abgeschafft. Dann erledige sich damit das Problem.

Insider sagten, die Bank müsse immer noch jeden Tag dafür sorgen, dass sich die Kurse von Vorzugs- und Stammaktien bei BMW nicht auseinanderentwickeln. „Fallen die Vorzüge nur 2 Euro unter die Stämme, kostet das die WestLB einen Tagesverlust von 60 Mio. Euro.“

Mit ihrem Vorgehen verstießen die Händler Bankkreisen zufolge möglicherweise gegen den Paragrafen 3 der Marktmanipulations-Konkretisierungsverordnung (MaKonV) der Finanzaufsicht BaFin.

Nachdem die Möglichkeiten aus dem BMW-Deal ausgeschöpft waren, stiegen die Händler mit derselben Methode in VW-Aktien ein. Im Markt sorgte das für Unruhe. „Seit Mitte November beobachten wir, dass die Umsätze in Stamm- und Vorzugsaktien von VW abends in der Schlussauktion teilweise doppelt so hoch sind wie über den Tag“, sagte ein Händler. Gestoppt wurden die WestLB-Händler nur durch ein Ereignis von außen, die Porsche-Offerte für VW, bei der sie nicht mehr mithalten konnten.

Das Problem sei noch nicht vom Tisch, hieß es. „Die VW-Position ist weiterhin vollkommen offen“, sagte ein WestLB-Banker. Die Bank habe auch sehr viele VW-Vorzugsaktien und sei „short“ bei den Stammaktien.

Zitat:

“ „Die Händler sorgten jeden Abend dafür, dass der Kurs ein ihnen genehmes Niveau hatte““ – WestLB-Banker –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit