Bioschäden beunruhigen Industrie

Versicherungseinkäufer kritisieren Assekuranz · EU-Intervention sorgt für Zwiespalt

Von Herbert Fromme, Bonn Die deutsche Industrie verlangt von der Versicherungswirtschaft Nachbesserungen an den neu eingeführten Versicherungskonzepten für Umweltschäden sowie eine moderate Preisgestaltung. „Es gibt eine Reihe von Diskussionspunkten“, sagte Günter Schlicht, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes (DVS). Der DVS vertritt Unternehmen und Gemeinden in Versicherungsfragen. Durch die EU-Umwelthaftungsrichtlinie und die deutsche Umsetzung im Umweltschadensgesetz verschärft sich die Haftung der Unternehmen erheblich. Bei Schädigungen von Arten, natürlichen Lebensräumen, Gewässern und Böden müssen Firmen haften. Bei vielen dieser Schäden müssen sie beweisen, dass sie den Schaden nicht angerichtet haben, nicht umgekehrt.

Die Assekuranz sei gefordert, Lösungen anzubieten, die das neue Risiko so weit wie möglich abdecken, sagte Schlicht auf der DVS-Mitgliederversammlung. Es sei aber fraglich, ob das Versicherungskonzept des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für diesen Bereich dem Anspruch gerecht werde. Kritisch sieht die Industrie vor allem die Beschränkung der Deckung auf Störfälle, während Schäden aus dem Normalbetrieb nicht abgedeckt werden. Auch die halbherzige Einbeziehung von Produktschäden wird von der Industrie moniert.

Schlicht rief die Versicherungswirtschaft auf, bei den Preisen zurückhaltend zu bleiben. Für die bisherigen Umwelthaftungspolicen hätten die Kunden zu viel Geld gezahlt. Nach Zahlen der EU-Kommission habe die Versicherungswirtschaft europaweit in dieser Sparte europaweit eine Schaden- und Kostenquote von nur 36 Prozent erwirtschaftet, in Deutschland sogar von 14 Prozent. Pro Prämien-Euro gaben die Versicherer also nur 14 Cent für Schäden, Verwaltungs- und Vertriebskosten aus. „Angesichts dieser Zahl ist jeder weitere Kommentar überflüssig“, sagte Schlicht. Für die Kunden empfehle sich „ein gelegentliches Gespräch mit dem Versicherer“.

Die industriellen Versicherungskunden begrüßten, dass die EU-Kommission mit einer Sektoruntersuchung „Licht in das Halbdunkel der Industrieversicherung“ bringe. Die EU hatte im Gefolge der US-Ermittlungen wegen illegaler Maklerpraktiken eine Untersuchung über den Industrieversicherungsmarkt in der EU begonnen.

Allerdings dürfe das nicht dazu führen, dass mit Hilfe gutgemeinter Regeln und Bürokratie in Märkte eingegriffen werde, sagte Schlicht. Auch die industriellen Versicherungskunden wollten nicht gegängelt werden. „Sie wollen sich zum Beispiel nicht verbieten lassen, einen Mehrjahresvertrag zu schließen, wenn dies ihrer Interessenlage entspricht.“ „Wir sollten uns entschieden gegen Beeinträchtigungen des Wettbewerbs einsetzen, gleich ob sie von den Versicherern oder staatlichen Stellen kommen.“

Der DVS-Vorsitzende und Lufthansa-Versicherungschef Ralf Oelßner sagte, wer die unterschiedliche Gewinnsituation von Versicherungsunternehmen in Europa als Indiz für ein Versagen des Marktes interpretiere, habe den Markt nicht verstanden.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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