Satte Gewinne locken Anbieter

Die Industrieversicherer haben in den vergangenen Jahren kräftig verdient. Jetzt beginnen fallende Preise und teure Schäden die gute Stimmung zu stören. Aber das hält Newcomer von dem immer noch lukrativen Markt nicht ab. Die Platzhirsche stellen sich derweil neu auf

Von Herbert Fromme Zu anderen Zeiten hätte die Nachricht den Versicherern die gute Laune gründlich verdorben. Ein Großfeuer, das am 22. Juni 2006 im Kaltwalzwerk ThyssenKrupp Nirosta in Krefeld ausbrach, schlug mit 285 Mio. Euro Versicherungsschaden zu Buche. Für die Assekuranz war das der höchste je erlittene Feuerschaden in Deutschland. Betroffen waren unter anderem HDI, Allianz, Zurich und XL.

Trotz des Megaschadens war 2006 für die meisten Industrieversicherer eines der besten Jahre, das sie je erlebten. Die Last aus dem ThyssenKrupp-Schaden war weit verteilt, vor allem Rückversicherer mussten zahlen. Auch die beiden Jahre davor waren ausgezeichnet. Daran kann auch der intensiver werdende Wettbewerb unter den Gesellschaften bisher nichts ändern.

Die Assekuranz hat Langfristtrends auf ihrer Seite. Der Bedarf an Versicherung nimmt zu. „Wenn die Wirtschaft boomt, steigt auch das Interesse an Versicherung“, sagt Axel Theis, Chef der Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS), der weltweiten Spezialgesellschaft des Allianz-Konzerns. „In vielen Policen gibt es umsatzabhängige Klauseln, die dazu führen, dass insgesamt ein Prämienwachstum entsteht.“

Dazu kommen große Umwälzungen im Risikomanagement der meisten Industriekonzerne. Bis vor wenigen Jahren entschieden die Unternehmen weitgehend selbst, ob sie sich gegen bestimmte Risiken versicherten oder nicht – oft aus dem Bauch heraus, ohne besonderes Risikomanagement und entsprechende Fachleute. Heute sorgen Corporate Governance, Offenlegungspflichten und höhere Ansprüche der Aktionäre dafür, dass kaum ein Vorstand es sich leisten kann, alle möglichen Risiken nicht so gut wie möglich abzusichern. Er läuft sonst Gefahr, im Schadenfall persönlich haftbar gemacht zu werden. Auch neue Forderungen des Gesetzgebers wie die Umsetzung der EU-Umwelthaftungsrichtlinie nutzen der Assekuranz.

Kein Wunder, dass neue Anbieter auf den Markt kommen – und einige bekannte Gesichter die Industrieversicherung neu entdecken. Der spanische Versicherer Mapfre, die japanische Mitsui Sumitomo oder die australische QBE gehören zu jenen ausländischen Versicherern, die sich für Deutschland interessieren. Die öffentlich-rechtlichen Gesellschaften, die zum Sparkassenlager gehören, bauen ihre Kapazität aus. Die Rückversicherer Münchener Rück und Swiss Re, die eigentlich als Großhändler des Risikoschutzes kaum Geschäfte mit Endkunden machen, dehnen ihre Zusammenarbeit mit großen Industriekonzernen stetig aus – ganz direkt und ohne Einschaltung eines Erstversicherers.

Die Kunden begrüßen das vergrößerte Angebot. „Je mehr, desto besser“, sagt Lufthansa-Versicherungschef Ralf Oelßner, der auch Vorsitzender des Deutschen Versicherungs-Schutzverbands ist. Das ist die Versicherungslobby von Industrie und Kommunen.

Marktchancen erhoffen sich die Newcomer auch, weil sich die etablieren Anbieter neu sortieren. Die 2006 vollzogene Übernahme des Gerling-Konzerns durch den Hannoveraner Konkurrenten Talanx/HDI sorgte bei vielen Kunden für Frustration. Sie liebten Gerling wegen des hohen Know-how-Levels und der kundenfreundlichen Betreuung. Jetzt fürchten sie ein Duopol von Talanx mit HDI/Gerling einerseits und der Allianz andererseits.

Die Allianz hat das Industriegeschäft vollständig umgestaltet. Die Kunden mit einem Umsatz von mehr als 500 Mio. Euro sowie Spezialsparten werden jetzt weltweit von AGCS betreut, kleinere Unternehmen von der Allianz Versicherung. „Bei weltweiten Versicherungsprogrammen für große Konzerne sind unsere wichtigsten Wettbewerber AIG, Zurich Financial und die XL“, sagt AGCS-Vorstandschef Theis.

Marktstatistiken gibt es kaum – nur für die industrielle Sachversicherung weist die Branche für das vergangene Jahr 4,1 Mrd. Euro aus, ein leichtes Minus von 0,7 Prozent. Über die Haftpflichtdeckungen von Unternehmen führt der Branchenverband GDV angeblich keine Statistiken, jedenfalls werden sie nicht veröffentlicht.

Fast alle verdienen sehr gut in der Industrieversicherung, auch wenn die Preise unter Druck sind. „Natürlich haben wir heute niedrigere Prämien als 2002 oder 2003“, sagt AGCS-Chef Theis. „Aber trotzdem war 2006 ein sehr gutes Jahr.“ Wenn auch 2007 so gut verlaufe, werde noch mehr frische Versicherungskapazität in den Markt strömen. „Das wird dann zu weiterem Preisdruck führen.“

Die Konkurrenz sieht das ähnlich. „Der Industrieversicherungsmarkt befindet sich sicher in einer Phase mit verstärktem Druck auf den Preisen“, sagt Christian Hinsch, Vorstandsmitglied bei Talanx und Chef der Industrieversicherer HDI und Gerling. „2006 war ein erfolgreiches Jahr“, sagt er. „Es gab Großschäden, aber vor allem in Sparten, in denen wir hoch rückversichert sind.“ Der Wettbewerb werde sich wohl weiter verschärfen, sagt Hinsch. „Genau kann man das aber erst im Herbst sagen, wenn die Vertragsverhandlungen für 2008 beginnen.“

AIG-Deutschlandchef Reinhard Franke schätzt den Preisabrieb bei Haftpflicht und Managerhaftpflicht auf null bis zehn Prozent, je nach Schadenverlauf. In der Sachversicherung – Gebäude, Maschinen, Inventar – gehen die Raten um null bis 25 Prozent zurück, erklärt er. „Viele deutsche Anbieter rechnen die Kapitalerträge in ihre Kalkulation ein, da hilft natürlich die gute Verfassung des Aktienmarkts“, sagt Franke.

Während die Versicherer ob der Schaden- und Kapitalmarktentwicklung gut verdienen, sieht es für die Versicherungsmakler schlechter aus. Zehn Prozent Rückgang der Prämie bedeuten einen ähnlich hohen Rückgang der Provisionseinnahmen – ohne Ausgleichsmöglichkeiten. Bei den Versicherungsmaklern dürfte die Marktentwicklung noch eher zu weiterem Konsolidierungsdruck führen als bei den Versicherern.

Zitat:

“ „2006 war einerfolgreiches Jahr“ “ – Christian Hinsch, Vorstand Talanx –

Bild(er):

Rauch steigt aus dem Krater des Vulkans Concepción auf der Isla de Ometepe im Nicaraguasee – dem größten See Mittelamerikas – Corbis/Nik Wheeler

Quelle: Financial Times Deutschland

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