Im unerklärten Kriegszustand

Herbert Fromme Die Szene: Eine Fachkonferenz über Rückversicherung in Zürich. Zu den Themen gehören die neuen Eigenkapitalvorschriften der EU, die unter dem Namen Solvency II vorbereitet werden. Die Experten beunruhigt Solvency II wenig. Sie wissen, dass die Branche bereits mit ausgefeilten internen Risikomodellen arbeitet.

Die Überraschung: Mehrere Rückversicherer bringen ein bisher ungehörtes Argument für Solvency II. Wenn der Gesetzgeber Risikomodelle vorschreibe, werde das den Einfluss der Ratingagenturen deutlich reduzieren, die heute die Solidität der Unternehmen mit eigenen Modellen untersuchen und benoten.

Großer Beifall. Dass Solvency II möglicherweise eine Erosion der Macht von Standard & Poor’s, Moody’s, AM Best oder Fitch bedeutet, begeistert viele.

Ganz offensichtlich haben die Ratingagenturen ein Problem. Ihr Verhältnis zu großen Versicherern und Rückversicherern ist nach außen hin sehr freundlich. Offenbar aber gibt es unter der Oberfläche starke Spannungen.

Die Branche ist unglücklich mit der Behandlung durch die Agenturen. Ihr Geschäft hängt direkt von deren Bewertungen ab. In den vergangenen Jahren waren sie nicht immer nachvollziehbar, noch weniger die Empfehlungen, die von den Agenturen indirekt an die Rückversicherer gegeben wurden.

Für beide Seiten ist ein solcher unerklärter Kriegszustand brandgefährlich. Sie sollten Wege finden, ihn schnell zu beenden. Anderenfalls könnte das passieren, was keiner will: dass der Einfluss der Ratingagenturen durch staatliche Regulierung ersetzt wird.

Herbert Fromme ist Versicherungskorrespondent der FTD.

E-Mail: fromme.herbert@ftd.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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