Lübecker Hafen erweist sich als begehrtes Kaufobjekt

Steigende Umsätze vorhergesagt · Hafenarbeiter streiken gegen die Privatisierung · Stadt will Anteil von 25,1 Prozent behalten

Von Katrin Berkenkopf Die Hafenarbeiter in Lübeck verweigern seit Wochen die Überstunden. Sie protestieren damit gegen die geplante Privatisierung der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG). Mit ihrem Boykott sorgen die mehr als 1000 Arbeiter bereits für Stau an der Kaimauer.

Erst wollte die Stadt den Hafen samt Infrastruktur verkaufen. Doch das war rechtlich problematisch. Dadurch hätte sie möglicherweise Subventionen zurückzahlen müssen. Jetzt soll nur noch ein Teil der LHG abgegeben werden.

Hafenanlagen sind begehrte Kaufobjekte, seit das Transportvolumen im Seeverkehr rasant wächst und damit auch der Umschlag an den Küsten. Für die meist öffentlichen Eigentümer der Häfen ist das eine Gelegenheit, die eigenen Kassen aufzufüllen, um die Kosten für den weiteren Ausbau der Anlagen aufzubringen. So plant es auch die CDU-Mehrheit in der Lübecker Bürgerschaft. In den kommenden vier Jahren sind 127 Mio. Euro an Investitionen der stadteigenen LHG geplant.

Aus eigener Kraft könne sie diese Summe nicht stemmen, meint Ekkehard Eymer, CDU-Bürgerschaftsmitglied und Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens. „Wir brauchen aber eine wesentliche Beteiligung“, sagt Eymer. Das bedeute keinen Komplettverkauf. Mindestens 25,1 Prozent der Anteile müssten bei der Stadt bleiben. „Wir wollen auch keinen reinen Finanzpartner.“

Um mangelndes Interesse von Unternehmen der Branche braucht er sich wohl nicht zu sorgen. Die Deutsche Bahn und der Hamburger Terminalbetreiber HHLA haben ihren Finger bereits gehoben. Die HHLA ist mit dem Container-Terminal Lübeck an der Trave bereits präsent, er soll ihr Brückenkopf zur Ostsee werden.

Lübeck ist der größte der schleswig-holsteinischen Häfen. Im vergangenen Jahr betrug der Güterumschlag aller Häfen im Land rund 50 Millionen Tonnen, mehr als 30 Millionen davon schaffte Lübeck. Bei den Passagieren führte Puttgarden, Ausgangspunkt der schnellen Vogelfluglinie nach Dänemark, vor Kiel, dem großen Kreuzfahrthafen. Die neueste Seeverkehrsprognose des Bundesverkehrsministeriums sieht für den Lübecker Hafen künftig ein jährliches Wachstum von durchschnittlich 4,3 Prozent voraus. Damit läge der Umschlag im Jahr 2025 bei mehr als 64 Millionen Tonnen.

„In den ersten vier Monaten hatten wir ein Umschlagsplus von 15 Prozent“, sagt Rolf Klein, Sprecher der LHG. Lübeck ist der größte Fährhafen Deutschlands. Mehr als 90 Prozent des Güterumschlags werden mit den Fähren gemacht, die den Ostseehafen nach festen Fahrplänen vor allem mit Finnland und Schweden verbinden.

Diese Fahrpläne geraten durcheinander, wenn die Abfertigung in Lübeck stockt. Seit die Hafenarbeiter Überstunden verweigern, kommt es zu „erheblichen Behinderungen“, sagt Andreas Bergemann. Er ist zuständig für Häfen bei der Gewerkschaft Verdi, und er schätzt den Arbeitsausfall durch die Verweigerung von Überstunden auf etwa 30 Prozent. Einige Reedereien haben ihre Schiffe bereits kurzfristig umgeleitet. Die große Abhängigkeit der Hafenbetriebe von der Mehrarbeit erklärt Klaus Heitmann vom Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe mit den Schwankungen im Arbeitsanfall. „Da muss sehr flexibel gearbeitet werden.“

Die Hafenarbeiterkollegen in Hamburg wussten dies bereits für sich zu nutzen: Mit dem angedrohten Boykott von Überstunden erreichten sie im März, dass ihr Konzern nicht an einen strategischen Investor verkauft, sondern nur ein Teil an die Börse gegeben wird.

Die Lübecker Gewerkschafter gehen in ihren Forderungen noch weiter. Sie wollen überhaupt keine Abgabe von Anteilen. „Wir können uns Kooperationen mit mehreren Partnern in den verschiedenen Geschäftsfeldern vorstellen“, sagt Bergemann von Verdi. Erste Gespräche unter Vermittlung von Bürgermeister Bernd Saxe blieben ohne Erfolg. Der Boykott werde erst enden, wenn die Stadt das Interessenbekundungsverfahren für einen Verkauf stoppt, droht die Gewerkschaft: „Die Belegschaft hat einen langen Atem.“

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Der Skandinavienkai am Lübecker Hafen ist der größte Fährhafen Europas. Er bietet an neun Anlegern über 90 Abfahrten pro Woche – Lübecker Hafen Gesellschaft

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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