Strategien gegen die Sturmfront

Für die globalen Versicherer bedeutet der Klimawandel eine erhebliche Ausdehnung des Risikos – die Geschäftsaussichten sind allerdings vielversprechend

VON Herbert Fromme und Patrick Hagen Der Wintersturm „Daria“ tobte am 25. Januar 1990 über Frankreich, Belgien, Großbritannien und andere europäische Länder. Für ihn zahlten die Versicherer – umgerechnet in heutige Preise – 7,2 Mrd. $. Der Anfang 2007 wütende „Kyrill“ erzeugte nach bisherigen Schätzungen einen versicherten Schaden von bis zu 10 Mrd. $. Das ist aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Die Münchener Rück rechnet damit, dass durch einen Sturm in Europa ein Versicherungsschaden von bis zu 60 Mrd. Euro möglich ist.

Die Deckung von Sturmschäden ist offensichtlich teuer für die Branche. Was für Europa gilt, ist erst recht wahr für die USA mit ihren notorischen Hurrikanschäden. Die Rückversicherer warnen bereits seit den 70er-Jahren vor den Folgen des Klimawandels und haben eigene Forschungsabteilungen gegründet. Sie sind von Sturmschäden besonders betroffen, weil sie Spitzenrisiken von Erstversicherern wie Axa, Allianz oder Zurich übernehmen. Die Münchener Rück sammelt seit 1975 Schadenmeldungen, die im Zusammenhang mit Naturkatastrophen stehen. Geophysiker Ernst Rauch von der Münchener Rück fühlt sich durch den jüngsten Klimabericht der Vereinten Nationen bestätigt. „Wir sehen da völlige Übereinstimmung zu unseren eigenen Bewertungen, dass die Intensität tropischer Wirbelstürme im Zuge der Klimaveränderung zunehmen wird“, sagt Rauch, Abteilungsleiter für Sturm-, Wetter- und Klimarisiken. „Wir gehen davon aus, dass in Europa in den nächsten Jahrzehnten insbesondere die Anzahl der schweren Winterstürme zunehmen wird.“ Ein Schaden, der bis zu 60 Mrd. Euro kosten könnte, müsste ein ähnlich großes Gebiet wie „Kyrill“ und zusätzlich Frankreich treffen und dabei höhere Windgeschwindigkeiten erreichen.

Trotzdem versichern die Gesellschaften Sturmrisiken weiter – und fühlen sich trotz Klimawandel und globaler Erwärmung damit nicht unwohl. Im Gegenteil. „Man darf bei der Risikobewertung nicht in den Rückspiegel schauen“, warnt Ivo Menzinger, Chef der Abteilung Nachhaltigkeit und neue Risiken beim weltgrößten Rückversicherer Swiss Re. Die Versicherer müssten ihre Risikoerwartungen aufgrund von Klimamodellen berechnen. „Wir haben zusammen mit der Universität ETHZ in Zürich die Wirkung von drei verschiedenen Klimaszenarien berechnet.“ Das Ergebnis: Für den mittleren Jahresschaden müssen die Versicherer für den Zeitraum 1975 bis 2085 mit einer Zunahme zwischen 16 und 68 Prozent rechnen, abhängig vom Modell und ohne Einrechnung von Währungsschwankungen und Inflation. „Das wäre weniger als ein Prozent pro Jahr und klingt wenig“, sagt Menzinger. Allerdings nehme die Belastung gerade im oberen Schadenbereich überproportional zu.

Bei der höheren Sturmbelastung für die Versicherer kommen mehrere Faktoren zusammen. Erstens stehen heute viel mehr und teurere Gebäude in sturmexponierten Regionen. Das ist der Haupttreiber der höheren Schäden für die Versicherer.

Zweitens nehmen Frequenz und Intensität der Stürme zu. „Dabei muss man aber unterscheiden zwischen natürlichen Schwankungen, etwa im Aufkommen von Hurrikans, und den Veränderungen durch die globale Erwärmung“, sagt Menzinger. Bei der zurzeit beobachteten erhöhten Hurrikanaktivität sei bisher nicht klar, welchen Beitrag die durch den Menschen verursachte Erwärmung leiste und welcher durch die seit Jahrhunderten herrschenden Fluktuationen verursacht werde.

Menzinger glaubt nicht, dass die Assekuranz bald die Grenze erreichen wird, ab der Risiken nicht mehr versichert sind. „Wenn es zur Unversicherbarkeit von Sturmrisiken in Europa käme, hätte die Gesellschaft als Ganzes ein Problem.“ Menzinger: „Wir erwarten, dass der Klimawandel zu mehr Nachfrage nach traditionellen Versicherungsdeckungen führen wird.“ Außerdem gebe es vermehrt Bedarf nach Wetterderivaten und versicherungsbezogenen Wertpapieren wie etwa Katastrophenanleihen. „In beiden Feldern sehen wir uns als Marktführer“, sagt Menzinger.

Mit Wetterderivaten decken sich wetterabhängige Branchen gegen Schwankungen ab – beispielsweise Kraftwerksbetreiber oder Tourismusbetriebe gegen einen zu milden Winter. Mit Katastrophenanleihen bringen Versicherer und Rückversicherer bestimmte Spitzenrisiken in den Kapitalmarkt. Anleger erhalten einen höheren Zins, müssen dafür aber das Risiko eingehen, einen Teil oder alles zu verlieren, wenn es zum Schaden kommt.

„Dazu kommen aber auch noch Geschäftschancen im Bereich Emissionshandel und erneuerbare Energien.“ So habe Swiss Re mit einer sogenannten Carbon Insurance Risiken aus dem Emissionshandel abgedeckt. Ähnliches plant zur Zeit die Münchener Rück. „Auch die Solar- und Windenergien brauchen Versicherungsschutz“, sagt Swiss-Re-Experte Menzinger.

Zitat:

“ „Man darf bei der Risikobewertung nicht in den Rückspiegel schauen“ “ – Ivo Menzinger,Swiss Re –

Bild(er):

Gulfport , Mississippi, nach dem Hurrikan „Katrina“ am 24. September 2005: Im Autowrack steckt die amerikanische Flagge – Caro/Stefan Trappe

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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