Teure Kunstfehler

Schlamperei in Krankenhäusern wäre leicht zu vermeiden

Von Anja Krüger E in Albtraum: Der Patient erwacht aus der Narkose und stellt fest, dass die Ärzte das falsche Knie operiert haben. Studien zufolge kommt es bei 100 000 Operationen in einem Fall zu einer Rechts-links-Verwechslung. „Das ist eher eine Unterschätzung“, sagt Matthias Schrappe, Medizinprofessor und Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. An dem Verbund sind auch Kliniken, Patienten und andere beteiligt.

Seitenverwechslungen sind leicht zu vermeiden, etwa wenn sich das OP-Team vor dem Eingriff die entscheidenden Fragen stellt: Sieht es den richtigen Patienten, die richtige Seite, das richtige Röntgenbild und, soweit benötigt, das richtige Implantat? Effektiv und einfach ist auch das Markieren des kranken Körperteils.

„Fehler in Kliniken sind ein erhebliches Problem“, sagt Schrappe, der auch Mitglied des von der Regierung eingesetzten Sachverständigenrats im Gesundheitswesen ist. Zu den größten Gefahren gehören im Krankenhaus erworbene Infektionen. „Nur in 50 Prozent der Situationen, in denen sich Klinikmitarbeiter die Hände desinfizieren müssten, geschieht dies auch“, sagt er. Von den zehn Millionen Patienten, die Ärzte jährlich in Deutschland operieren, entwickeln zwei Prozent eine Wundinfektion. Rund ein Drittel könnten Schrappe zufolge durch Desinfektion der Hände vermieden werden.

Klinikberater Peter Gausmann von der Gesellschaft für Risiko-Beratung (GRB) geht davon aus, dass die Zahl der Fehler in Kliniken abgenommen hat. Die GRB ist eine Tochter des Versicherungsmaklers Ecclesia, über den sich die Hälfte der deutschen Kliniken versichert. „Zugenommen hat aber die Zahl der Patienten, die Schadensersatz fordern“, sagt Gausmann. Für das Jahr 1985 gingen bei der Ecclesia 950 Ansprüche von Patienten gegen Haftpflichtversicherer von Kliniken ein, für 2005 waren es 7850.

Als Gründe führen Patienten etwa Diagnosefehler an. „Der Klassiker ist die zu spät erkannte Blinddarmentzündung“, sagt Gausmann. Früher fügten sich Patienten in ihr Schicksal, wenn sie nach der Klinikaufnahme einen Blinddarmdurchbruch erlitten. Heute überlegen sie, ob sie die Klinik verklagen.

Ein großes Risiko sind Medikationsfehler. Sie können vermieden werden, wenn etwa Automaten die Arzneimittel in Tütchen sortieren, die den Namen der Patienten tragen. „Die Fehlerquote der Maschine ist geringer als die des Menschen“, sagt Gausmann. Viele Krankenhäuser bauen aus eigenem Antrieb ihr Risikomanagement aus, weiß er. „Aber es gibt auch Kliniken mit schlechtem Schadenverlauf, bei denen der Haftpflichtversicherer das fordert.“

Zitat:

„Fehler in Kliniken sind ein erhebliches Problem“ – Matthias Schrappe, Aktionsbündnis Patientensicherheit –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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