Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Unternehmen müssen auf die Verlässlichkeit von Dienstleistern und Mitarbeitern bauen. Aber sie sollten sich nicht blind auf deren Loyalität verlassen

VON Herbert Fromme und Anja Krüger Eigentlich haben sie die Regeln genau befolgt, die Kunden des Geldtransporteurs Heros. Sie haben den Auftrag für die Beförderung ihrer Einnahmen ausgeschrieben und einen günstigen Anbieter gewählt. Sie haben sich vor Vertragsabschluss von Heros eine wichtige Bescheinigung zeigen lassen: Sie belegt, dass ihr Geld auch dann versichert ist, wenn Kräfte der Firma es in die eigene Tasche stecken. Und dennoch bleiben die Kunden von Heros möglicherweise auf Schäden sitzen, die auf mehr als 300 Mio. Euro geschätzt werden. Mit dem Geld finanzierten die Chefs des Geldtransporteurs ihr Unternehmen und einen luxuriösen Lebensstil.

Die Versicherer unter Führung der Uniqa-Tochter Mannheimer weigern sich zu zahlen. Die Mannheimer Versicherung hat den Vertrag von Heros, auf den sich die Kunden des Geldtransporteurs verlassen haben, für ungültig erklärt. Das Heros-Management habe die Police 2001 durch „arglistige Täuschung“ erlangt, sagt der Versicherer. Schon vorher habe es betrogen.

Eine Reihe von Einzelhändlern klagt gegen den Versicherer. Setzt sich die Mannheimer mit ihrer Auffassung durch, hätte das weitreichende Konsequenzen. Die Versicherungsbestätigungen, die Geldtransportfirmen ihren Kunden vorlegen, wären praktisch wertlos. In diesem Papier bestätigt die Gesellschaft, dass Versicherungsdeckung auch bei Untreue und Unterschlagung besteht. Für Kunden ist schwer nachzuvollziehen, warum genau diese Bestätigung nicht gilt, wenn es wie hier zur Untreue kommt.

„Bei der Auswahl eines Geldtransporteurs sollte der Auftraggeber auch auf einen vernünftigen Preis achten“, sagt Risikomanagement-Expertin Rosemarie Rütten vom Beratungsunternehmen Risk & Insurance Management. „Ein allzu niedriger Preis ist ein wesentlicher Risikofaktor.“ Wenn ein Geldtransporteur Preise biete, die unter dem einer Taxifahrt lägen, könne mit dem Geschäftsmodell etwas nicht stimmen. „Zum sorgfältigen Risikomanagement gehört, dass sich ein Endkunde nicht mit der Versicherungsbestätigung zufriedengibt“, sagt Rütten, die langjährige Erfahrung beim Rückversicherer GE Frankona und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC sammelte. „Man sollte sich den Vertrag ansehen und prüfen, ob zum Beispiel auch Giralgeld versichert ist und welche Deckungssummen bestehen.“

Neben der Auswahl des Geldtransporteurs besteht ein vernünftiges Risikomanagement darin, dessen Geschäftsgebaren laufend zu kontrollieren – und das der eigenen Mitarbeiter, die damit befasst sind. „Wenn Geld verspätet ankommt, sollte das für den Auftraggeber immer ein Alarmsignal sein“, sagt Rütten.

Im Fall Heros gab es Berichte, nach denen Angestellte mehrerer Einzelhändler offenbar sehr großzügig mehrtägige Verspätungen beim Geldtransport hinnahmen und damit den Betrug erleichterten.

Ob auch Geld von Heros an diese Angestellten geflossen ist, werden die Gerichte klären müssen. Tatsache ist, dass deutsche Firmen täglich das Ziel von Angriffen einer vergleichsweise kleinen Zahl eigener Mitarbeiter sind.

Da ordert ein Einkäufer den Bürobedarf immer nur beim Schwager, zu überteuerten Preisen. Ein anderer zwackt gern vom Papierkontingent etwas für zu Hause ab, und der Nächste steckt sich direkt etwas von den Tageseinnahmen in die eigene Tasche. Die Association of Certified Fraud Examiners in den USA bildet Antibetrugsspezialisten aus. Sie schätzt, dass Firmen etwa fünf Prozent ihres Jahresumsatzes durch Betrugs- und Korruptionsfälle verlieren. Die meisten Unternehmen in Deutschland haben zwar Kontrollen, etwa eine Revisionsabteilung. „Aber häufig haben Unternehmen einen Flickenteppich im Risikomanagement, der aufgrund von Vorfällen entstanden ist“, sagt Ralf Schmackpfeffer von der Stiftung DNV. Mitarbeiter der Stiftung bewerten die Effektivität von Firmenmaßnahmen gegen Betrug und Korruption.

Vielen Unternehmen fehlen ein vollständiger Überblick über Risiken und ein effektives System zur Kontrolle. Besonders sensibel sind der Einkauf, der Verkauf und Abteilungen mit großem Warenverkehr. Grundsätzlich ist aber jeder Bereich gefährdet, in dem Mitarbeiter Budgets verantworten.

Firmen müssen Regeln aufstellen, um Beschäftigte zu kontrollieren, die einen eigenen Etat verwalten. Dazu gehört die Prüfung, ob eingekaufte Dienstleistungen angemessen bezahlt und auch wirklich erbracht wurden. Haben Mitarbeiter Wartungsverträge für Geräte abgeschlossen, die nicht gewartet werden müssen, stimmt etwas nicht. Das Problem: Wenn Beschäftigte mit betrügerischen Absichten das Sicherheitssystem kennen, können sie es auch unterlaufen. „Das System darf nicht statisch arbeiten“, sagt Schmackpfeffer. Gleichzeitig sollte das Unternehmen die Sicherheitsmaßnahmen auch nicht übertreiben. Wer seine Mitarbeiter zu sehr mit Kontrollen überzieht, wird sie verlieren. „Unternehmen brauchen eine Risikoaufstellung, die regelmäßig aktualisiert werden muss“, sagt er.

Zu den wichtigsten Instrumenten von Prüfern wie Schmackpfeffer gehört das Gespräch mit den Mitarbeitern. Viele Beschäftigte wissen, was sie ihm und seinen Kollegen erzählen müssen, um einen guten Eindruck zu machen – oder glauben, es zu wissen. Es kommt durchaus vor, dass sich Mitarbeiter mit Regelverstößen brüsten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das ist der Fall, wenn Einkäufer stolz erzählen, dass sie einen Auftrag ohne die vorgeschriebene Unterschrift des Vorgesetzten vergeben konnten. Es kommt auch vor, dass Mitarbeiter die Prüfer als Ventil nutzen. „Sie müssen ihre Vorwürfe mit Nachweisen belegen können“, sagt Schmackpfeffer. So versuchen die Prüfer, Denunzianten und echte Informanten auseinanderzuhalten.

Zitat:

“ „Ein allzu niedriger Preis ist ein wesentlicher Risikofaktor“ “ – RisikoexpertinRosemarie Rütten –

Bild(er):

Mit einer Entdeckelungsgabel entfernt der Imker den Wachsdeckel von der Wabe. Mit einer Schleuder gewinnt er anschließend den Honig aus den Zellen – Jahreszeiten Verlag/Cornelius Scriba

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit