EU-Assekuranzpläne erzürnen Firmen

Brüsseler Kommission erwägt Verbot der Mitversicherung für große Risiken · Industrie befürchtet steigende Preise

VON Herbert Fromme, Köln Die deutsche Industrie wehrt sich gegen Überlegungen in der Europäischen Kommission, die sogenannte Mitversicherung abzuschaffen. „Da wird der Konsumentenschutzgedanke unzulässig auf die Industrieversicherung angewendet“, sagte Lufthansa-Versicherungschef Ralf Oelßner der FTD. Oelßner ist Vorsitzender des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes (DVS), der Lobbyorganisation der deutschen Industrie in Versicherungsfragen. Sollten solche Absichten umgesetzt werden, könnte es zu einer Verknappung der Versicherungskapazität für Großrisiken und zu weniger Wettbewerb kommen, fürchtet er.

Die Brüsseler EU-Kommission untersucht derzeit die Wettbewerbssituation in der Industrieversicherung. Sie reagiert damit auch auf einen großen Maklerskandal in den USA. Dort haben Absprachen und Angebotsfälschungen zu überhöhten Preisen geführt. Die Brüsseler Behörde hat bereits einen Zwischenbericht vorgelegt und bereitet weitere Schritte vor. „Dabei gibt es spezifische Vorstellungen, nach denen die Mitversicherung abgeschafft werden soll“, sagte Oelßner.

Bei der Abdeckung von Fabrikanlagen oder möglichen Haftpflichtansprüchen übernehmen Versicherer Risiken, die bis in den zweistelligen Milliardenbereich gehen. „Wir versichern unsere Flotte in Höhe von 40 Mrd. Euro einschließlich der Haftpflichtdeckung“, sagte der Lufthansa-Manager. Das könne eine einzelne Gesellschaft nicht tragen. Deshalb handeln die Kunden die Bedingungen für die Abdeckung von Großrisiken mit einem führenden Versicherer aus, der auch einen Teil selbst übernimmt. Für die übrigen Anteile sucht der Kunde Mitversicherer.

„In der EU-Kommission gibt es Befürchtungen, dass dies zu marktverzerrenden wettbewerbswidrigen Absprachen unter den Versicherern führt“, sagte Oelßner. Die Alternative wäre, dass ein einzelner Versicherer das Großrisiko übernimmt und Teile davon an Rückversicherer weitergibt.

„Der Unterschied zwischen den beiden Wegen ist beträchtlich“, sagte Oelßner. Beim System der Mitversicherung suche meistens der industrielle Kunde allein oder in Abstimmung mit dem führenden Versicherer die Mitversicherer aus. Bei der Rückversicherung handelt es sich dagegen um ein Geschäft zwischen Versicherer und einem oder mehreren Rückversicherern – der Kunde bleibt außen vor.

Hans-Jürgen Allerdissen, Geschäftsführer der Bahn-eigenen Deutschen Verkehrs-Assekuranz, befürchtet weniger Wettbewerb. „Wir präferieren die Mitversicherung, weil wir die Fähigkeit von Versicherern fördern wollen, später solche Risiken selbst zu führen.“ Nur, wer sich direkt an den oft komplizierten Industrierisiken beteilige, gewinne die nötige Erfahrung.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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