Versicherer attackieren EU-Pläne

Vereine wehren sich gegen europaweite Regeln · Interview mit Gothaer-Chef Werner Görg

Von Herbert Fromme und Steffen Klusmann, Hamburg D ie deutschen Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit (VVaG) lehnen die von der EU-Kommission geplante Einführung eines „Statuts der europäischen Gegenseitigkeitsgesellschaft“ strikt ab. Damit will die EU parallel zur Europa-AG, der Societas Europaea (SE), einen Europa-Gegenseitigkeitsverein oder Mutualité Européenne (ME) ermöglichen. „Für die ME gibt es überhaupt keine Notwendigkeit“, sagte Werner Görg, Chef der Versicherungsgruppe Gothaer. Er ist gleichzeitig Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Versicherungsvereine.

„An dem Vorschlag stört mich besonders, dass der Kreis der Gründungsmitglieder einer solchen ME sich über den Bereich der Versicherungswirtschaft hinaus erstreckt“, sagte Görg. „So sollen nach dem jetzt vorliegenden Vorschlag öffentlich-rechtliche Krankenkassen Gründungsmitglieder werden können.“ Görg fürchtet, dass die Trennung zwischen gesetzlichen Versicherungen und der privaten Assekuranz aufgeweicht wird. Der Vorschlag wird in Frankreich, Italien und Osteuropa unterstützt. Deutsche Unternehmen fürchten, dass durch die Neuregelung staatliche Einrichtungen den privaten Anbietern Konkurrenz machen.

Versicherer in Deutschland haben drei Rechtsformen: Aktiengesellschaften, die zum Sparkassenlager gehörenden öffentlich-rechtlichen Versicherer und Vereine. Große Gesellschaften wie Talanx oder Gothaer sind Vereine oder werden von Vereinen geführt. In der Branche wird geschätzt, dass sie rund ein Drittel des Marktes ausmachen. Die Vereine haben keine Aktionäre, stattdessen „gehören“ sie den Kunden. Kontrollorgan ist eine Mitgliedervertretung, die allerdings nicht von den Mitgliedern gewählt wird, sondern ihre Zusammensetzung durch Kooptierung selbst bestimmt. Kritiker werfen den Vereinen vor, dass die Vorstände ungestört von Aktionären agieren können und es mit der Corporate Governance nicht so genau nehmen.

Görg wies dies zurück. „Die Mitgliedervertretung hat erhebliche Mitspracherechte und nimmt sie auch wahr.“ Dort finde man sehr selbstbewusste Menschen, die ihre Aufgabe der Kontrolle von Unternehmen und Vorstand „sehr ernst nehmen“. Bei vier Millionen Mitgliedern, die allein die Gothaer hat, könne man kaum sinnvolle Urwahlen veranstalten, wenn die nicht zur Farce werden sollten. „Das sieht man an den Sozialwahlen, die mit guter Corporate Governance nichts zu tun haben.“

Die gegenwärtigen nationalen Regeln für die Versicherungsvereine seien vollständig ausreichend, sagte Görg. „Es gibt bisher keinen einzigen Fall, bei dem ein VVaG eine Aufgabe grenzüberschreitend nicht bewältigen konnte, weil die ME-Rechtsform gefehlt hätte“, sagte Görg. „Wir haben die Niederlassungsfreiheit und die Dienstleistungsfreiheit.“ Nichts hindere einen Verein daran, in einem anderen EU-Land Marktführer zu werden.

Auch Fusionen zwischen Vereinen seien möglich. Er bestätigte, dass zurzeit zahlreiche Gesellschaften Gespräche führen. Die Gothaer habe – zum wiederholten Mal – über ein Zusammengehen mit der Signal Iduna geredet. „Wir haben uns nicht verständigen können auf die Dinge, die in Zukunft gemeinsam bewältigt werden könnten.“ Inzwischen sucht Görg weiter Übernahmeziele, „unabhängig von der Rechtsform“.

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Verteidigt Versicherungsvereine gegen Kritik: Werner Görg, Chef der Versicherungsgruppe Gothaer

www.ftd.de/assekuranz

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Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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