Von der Vergangenheit eingeholt

Factoringanbieter können leicht zum Opfer von Betrügern werden. Dazu kämpft die Branche damit, ihren schlechten Ruf abzustreifen

VON Patrick Hagen Factoringgesellschaften gehören neben Banken zu den Hauptgeschädigten der spektakulären Insolvenz des fränkischen Plüschtierherstellers Nici. Gründer und Unternehmenschef Ottmar Pfaff hatte über Jahre hinweg Luftforderungen an mehrere Factoringunternehmen verkauft. Er täuschte Geschäfte mit bekannten Handelsketten vor und fälschte Rechnungen und Lieferscheine. Allein 2006 soll er so 33,5 Mio.Euro erschlichen haben. Mit einer Art Schneeballsystem hatte er mit den Erlösen aus neueren Scheinrechnungen die älteren beglichen.

„Das hätte noch Jahre so weitergehen können“, sagt ein Verantwortlicher einer betroffenen Gesellschaft, der nicht genannt werden will. Die Firma will nun die Kontrollen bei ihren Kunden verstärken. „Es wird auf jeden Fall schwerer werden, Verträge mit einem Factor zu bekommen.“

Nici ist kein Einzelfall. Auch beim hessischen Schuhhersteller Rohde und dem ostwestfälischen Möbelfabrikanten Schieder sollen Luftforderungen an Factoringgesellschaften verkauft worden sein, um die Bilanzen zu schönen.

Damit sehen sich Factoringgesellschaften mit Problemen konfrontiert, die sie eigentlich hinter sich gelassen hatten. Jahrelang mussten sie mit dem schlechten Ruf leben, der dem Geschäft mit Rechnungen anhaftete. Firmen, die ihre Geldforderungen verkauften, galten schnell als finanziell angeschlagen und wenig solide. Jetzt steht Factoring im Zusammenhang mit Betrug – auch wenn die betroffenen Gesellschaften die Betrogenen waren. Schon einmal ist die Branche so in die Schlagzeilen geraten. In der Folge der Betrugsaffäre um den Sportbodenhersteller Balsam machte die Factoringgesellschaft Procedo Pleite.

In der Branche gibt man sich dennoch gelassen. „Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches“, sagt Volker Ernst, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Factoring für den Mittelstand und Eigentümer der mittelständischen Ernst Factoring. „Beim Factoring ist es relativ leicht, zu betrügen“, erklärt Ernst. Auch im Deutschen Factoring-Verband (DFV) sieht man keine negativen Auswirkungen auf das Image der Unternehmen. „Das erschüttert die Branche nicht wirklich“, sagt DFV-Geschäftsführer Alexander Moseschus. „Die Factoringgesellschaften waren ganz klar die Opfer.“ Außerdem habe das Factoring den Imagewandel schon seit Jahren vollzogen, erläutert Moseschus. „Nur keiner hat es gemerkt.“

Tatsächlich wächst die Branche seit Jahren kräftig. Für 2006 hat der DFV wieder Rekordzahlen vorgelegt. Der Umsatz der Verbandsmitglieder nahm im vergangenen Jahr um 30,7 Prozent auf 72 Mrd. Euro zu. Fünf Jahre vorher waren es noch etwa 27 Mrd. Euro. Die Zahl der Unternehmen, die auf den Verkauf ihrer Rechnungen setzen, ist im vergangenen Jahr von 3200 auf ungefähr 3870 gestiegen.

Aber trotzdem haben viele Factoringgesellschaften immer noch mit dem alten Imageproblem zu kämpfen. „Es gibt nach wie vor Vorurteile“, sagt Helmut Karrer von der RBS Factoring, einer Tochter der Royal Bank of Scotland. „Grundsätzlich wird das Factoring schlechter gesehen, als es ist.“

Nach einer Studie der RBS Factoring und der zum FAZ-Institut gehörenden Finance-Research schwinden die Vorurteile gegen Factoring im Mittelstand zunehmend. Unternehmen setzen demnach das Factoring neben Bankkrediten als festes Instrument zur Finanzierung ein und nur selten wegen einer Krise. Außerdem teilen 54 Prozent derjenigen, die den Ruf des Factorings für schlecht halten, diese Meinung selber nicht. 43,5 Prozent der Befragten können sich vorstellen, das Instrument in Zukunft einzusetzen. „Das deutet auf einen Imagewandel hin zu einem akzeptierten Finanzierungsinstrument“, sagt Karrer.

Immer mehr Unternehmen setzen Factoring auch als Ersatz für eine Kreditversicherung ein. Deshalb prüfen Kreditversicherer wie Euler Hermes, die Factoring noch nicht anbieten, ob sie in Zukunft auch Rechnungen aufkaufen wollen.

Im internationalen Vergleich gibt es in Deutschland allerdings immer noch wenige Factoringnutzer. „Wenn man sich andere europäische Länder anguckt, haben wir noch ein gigantisches Potenzial“, sagt DFV-Geschäftsführer Moseschus.

Allein das britische Mutterunternehmen der RBS-Factoring habe 8000 Kunden, sagt Karrer. Der Bekanntheitsgrad von Factoring als Finanzierungsinstrument sei immer noch nicht hoch genug, sagt er.

Besonders bei kleinen Unternehmen ist Factoring als Finanzierungsinstrument oft nicht bekannt. „Bei kleinen Unternehmen dominiert immer noch der klassische Bankkredit“, sagt Niels Oelgart, Experte für Unternehmensfinanzierung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. „Factoring gewinnt an Bedeutung, kommt aber sicher nicht für jedes Unternehmen infrage.“ Eine gewisse Umsatzgröße müsse die Firma schon erreichen.

Viele Unternehmen haben immer noch Angst davor, ihre Kunden zu verschrecken, wenn diese plötzlich eine Mahnung von der Factoringgesellschaft bekommen. Dagegen hilft das sogenannte Inhouse-Factoring. Bei dieser Variante, auch stilles Factoring genannt, bleibt das Mahnwesen beim Kunden. Dieser erfährt damit nichts von dem Verkauf der Forderung. Das Inhouse-Factoring ist in der Regel nur für größere und finanziell gutgestellte Unternehmen möglich.

Hier ist für den Factor auch das Betrugsrisiko am größten. „Je stiller das Verfahren, desto anfälliger ist es für Betrug“, sagt Robert Becker, Teilhaber des mittelständischen Kölner Factoringunternehmens BMP. „Aber Factoring kämpft immer mit der Gefahr gefälschter Rechnungen.“ Das Kölner Unternehmen hat die Software „Anaconda“ entwickelt, die dabei hilft, gefälschte Rechnungen aufzuspüren. Das Computerprogramm filtert Rechnungen nach auffälligen Zahlenfolgen. Es beruht auf dem Benfordschen Gesetz, das besagt, dass bestimmte Ziffern in Datensätzen häufiger auftauchen als andere. Mithilfe dieses Gesetzes wurden auch die Bilanzfälschungen bei den US-Konzernen Enron und Worldcom entdeckt. BMP setzt das Programm selbst ein, hat aber noch keine Betrüger entlarvt. Gefälschte Rechnungen aus früheren Betrugsfällen habe das Programm aber ausnahmslos entdeckt.

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Schon im Alten Testament wurden sie zum Löschen von Kerzen empfohlen: Löschnäpfe, Lichthüte, Dampfhörner oder schlicht Kerzenlöscher. Sie mindern die Rauchentwicklung beim Löschen und verhindern Wachsspritzer – Stills-Online; Gettyimages/Ray Massay

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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