W&W hakt Bilanzprobleme ab

Fehler entstanden aus mangelnder Erfahrung mit IFRS-Standard · Interview mit Vorstandschef Erdland

Von Herbert Fromme, Köln Die im Juni bekannt gewordenen Probleme der Württembergischen Lebensversicherung mit der Bilanz 2005 beruhten auf mangelnder Erfahrung bei der erstmaligen Anwendung des internationalen Bilanzstandards IFRS und bei der Übernahme einer anderen Gesellschaft, in diesem Fall der Karlsruher. Das sagte Alexander Erdland, Chef des Konzerns Wüstenrot & Württembergische (W&W), im FTD-Interview.

„Die Fehler hätten nicht passieren dürfen, aber das war keine bewusste Irreführung.“ Dieser Korrekturprozess sei abgeschlossen. Der Konzern habe ganz andere Baustellen. „Wir müssen beweisen, dass die Zusammenführung der Bausparkasse Wüstenrot und des Versicherers Württembergische mehr bringen kann als bisher geleistet“, sagte Erdland. „Das ist unsere größte Herausforderung und gilt sowohl für das Cross-Selling im Vertrieb als auch für interne Synergien im Konzern.“

Die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) hatte den IFRS-Abschluss 2005 der Lebensversicherungstochter moniert. Erdland schilderte die Rüge zum ersten Mal in seiner Rede auf der Hauptversammlung am 28. Juni, am 13. Juli veröffentlichte das Unternehmen eine Pflichtfinanzanzeige mit einer Liste von 52 Mängeln. Die meisten betreffen Fehler in der Konsolidierung und in den Anhängen der Rechnungslegung nach den International Financial Reporting Standards (IFRS). Der parallel erstellte Abschluss nach dem Handelsgesetzbuch, der Grundlage für die Überschussbeteiligung der Kunden ist, war nicht betroffen. „Es ist kein materieller Schaden entstanden, schon gar nicht zu Lasten der Versicherten“, so Erdland.

Der Vorgang ist dennoch umso peinlicher, als W&W erst im Dezember 2006 die Jahresabschlüsse 2004 und 2005 der Bausparkasse Wüstenrot und der Wüstenrot Pfandbriefbank öffnen musste. „Hierbei handelte es sich um ganz andere Probleme“, sagte er. „Diese Änderungen haben wir selbst vorgenommen, weil die Rückstellungen für Bonustarife zu niedrig waren und ein ganz bestimmtes Hedge Accounting falsch abgebildet war.“

Von „Leichen im Keller“ könne man nicht sprechen, sagte Erdland. „Das war alles schon lange öffentlich. Der bilanzielle Korrekturprozess bei der Württembergischen Leben ist mit der Veröffentlichung der Finanzanzeige abgeschlossen.“

Interne Maßnahmen seien „mit großer Konsequenz“ gezogen worden. „Wir haben den Leiter des Rechnungswesens im Konzern ausgewechselt, wir haben eine Task Force in Bezug auf IFRS gebildet, wir haben beim Know-how nachgerüstet und uns dabei von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC beraten lassen.“ Von Deloitte, den Prüfern des fraglichen IFRS-Abschlusses, hat sich der Konzern getrennt.

Zum 1. September 2007 hat W&W Jan Wicke zum Finanzvorstand bestellt, früher Vorstand bei der von Axa übernommenen DBV Winterthur. Vorgänger Edmund Schwake hat den Konzern verlassen – von sich aus, wie Erdland betonte. „Herr Schwake hatte ja noch andere Aufgaben und ist ein ausgewiesener Versicherungsfachmann“, sagte Erdland. Es hätte eine Rolle für ihn im Konzern geben können.

Erdland sagte, der Konzern habe erste Fortschritte in Produktentwicklung und der Neuorientierung der Vertriebsstruktur erzielt. „Wir verzeichnen überdurchschnittliches Wachstum in der Lebensversicherung sowie im Mai und Juni zweistellige Zuwächse in der Bausparkasse.“ Die neue Spezialvetriebsgesellschaft für den Verkauf über unabhängige Makler sei installiert. „Wir haben viel positiven Zuspruch, den hat sich die Württembergische erhalten können.“ Beim Thema Bankenvertrieb mache die Bausparkasse Fortschritte, die mit der Bank Santander ein Vertriebsabkommen geschlossen hat. „Für 2009 planen wir 800 Mio. Euro Neugeschäft aus dieser Kooperation“, sagte er. Im Herbst werde wohl der nächste Kooperationsvertrag mit einer Bank folgen.

Die W&W-Gruppe war 1999 aus der Fusion von Bausparkasse und Versicherungskonzern entstanden. Sie wird von der Wüstenrot Holding mit 69,7 Prozent kontrolliert, weitere Aktionäre sind die Landesbank Baden-Württemberg mit zehn Prozent, Unicredit mit 7,5 Prozent und Swiss Re mit fünf Prozent.

Bild(er):

Alexander Erdland ist seit März 2006 Chef von W&W. Er kommt von der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Vorgänger Gert Haller wechselte ins Bundespräsidialamt – Graffiti/Joachim E. Röttgers

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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