Coface startet Konsumentengeschäft

Kreditversicherer übernimmt Deckung für Lieferungen von Firmen an Privatleute · Novum in der Branche

VON Anja Krüger und Patrick Hagen, Mainz Die deutsche Tochter des französischen Kreditversicherers Coface steigt in das Geschäft mit Privatkunden ein. Das Mainzer Unternehmen will Firmen Policen zur Absicherung von Lieferungen an Konsumenten verkaufen. „Wir sammeln zurzeit erste Erfahrungen mit Kunden“, sagte Benoît Claire, Vorstandsvorsitzender von Coface Deutschland. An dem Probelauf nehmen Mineralöllieferanten und Einzelhändler teil.

Bislang sichern Kreditversicherer nur Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen ab, nicht mit Konsumenten. Mit einer Kreditversicherung können Firmen Lieferungen an andere Betriebe für den Fall absichern, dass diese wegen einer Insolvenz ihre Rechnung nicht begleichen. Ist der Geschäftspartner zahlungsunfähig, zahlt der Versicherer. Angesichts des Konjunkturaufschwungs fragen sich allerdings viele Unternehmen, ob sie wirklich eine Police brauchen.

In Deutschland gehen seit Jahren immer weniger Firmen pleite, im ersten Halbjahr 2007 sank die Zahl der Konkurse gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um fast elf Prozent auf 14 515. Das Geschäftsmodell der Kreditversicherer gerät dadurch unter Druck.

Gleichzeitig steigen die Verbraucherinsolvenzen dramatisch. In den ersten sechs Monaten wuchs die Zahl der zahlungsunfähigen Privatleute um fast 20 Prozent auf 52 430. Von dieser Entwicklung will Coface profitieren. Das neue Angebot zum Schutz von Lieferungen an Verbraucher richtet sich vor allem an Unternehmen, die gegen Rechnung liefern. Mineralölhändler leiden laut Coface unter Ausfällen, weil die Energiepreise drastisch gestiegen sind. Auch der Internet- und der Versandhandel sei an dem neuen Angebot sehr interessiert, sagte Vorstandsmitglied Norbert Langenbach. Der Versandhandel wickelt laut Coface 80 Prozent der Geschäfte gegen Rechnung ab. „Der Bedarf bei den Unternehmen ist da“, sagte er.

Kreditversicherer schließen im Firmenkundengeschäft Verträge nur ab, wenn sie sich zuvor von der Bonität des Belieferten überzeugt haben. Für diesen Zweck unterhalten sie riesige Datenbanken und arbeiten mit Auskunfteien zusammen. Im Geschäft mit Privatkunden erfolgt die Prüfung auf Basis des Datenbestands der Schufa. Will ein Händler oder Lieferant einen Vertrag abschließen, gibt er die Daten des Käufers und die gewünschte Versicherungssumme an. Ein Computerprogramm ermittelt automatisch, ob der Versicherer die Anfrage ganz oder teilweise positiv beantwortet oder ablehnt. Weitere Informationen erhält die Firma nicht.

Die Bedeutung der Kreditversicherung für die Assekuranz ist relativ gering. In Deutschland nahm die Assekuranz im vergangenen Jahr in der reinen Warenkreditversicherung 857 Mio. Euro Prämien ein. Zum Vergleich: In der Schaden- und Unfallversicherung erreichten die Beiträge 54,9 Mrd. Euro. Für Hersteller mit teuren Lieferungen und Exporteure haben die Policen aber eine große Bedeutung.

Coface gehört über die französische gleichnamige Mutter zur Bank Natixis. In der deutschen Kreditversicherung ist die Gesellschaft mit Beitragseinnahmen von 196,1 Mio. Euro nach der Allianz-Tochter Euler Hermes die Nummer zwei im Markt, dicht gefolgt von Atradius. „Wir wollen mittelfristig den Abstand zu Atradius deutlich vergrößern“, sagte Claire. Außer der Kreditversicherung übernimmt Coface auch Bürgschaften für Firmen. Darüber hinaus bietet die Gesellschaft Unternehmen als weitere Dienstleistungen Factoring und Inkasso an, also den Aufkauf und das Eintreiben von Rechnungen. Über alle Geschäftsfelder will Coface in diesem Jahr um 9 Prozent auf 360 Mio. Euro Umsatz wachsen.

Zu den wichtigsten Wachstumstreibern gehört das Factoring. Das Unternehmen betreibt dieses Geschäft als einziger der großen Kreditversicherer selbst und ist hier sogar Marktführer. Im vergangenen Jahr kaufte es Rechnungen im Wert von 15,7 Mrd. Euro und erzielte damit einen Marktanteil von 22 Prozent.

Beim Factoring verkauft ein Unternehmen seine offenen Rechnungen und erhält abzüglich einer Gebühr sofort den Rechnungsbetrag. Der Markt wächst seit Jahren zweistellig. Die Konkurrenten Euler Hermes und Atradius haben ihr Factoringgeschäft aufgegeben. Für Rechnungsaufkäufe brauchen Firmen viel flüssiges Geld. Coface kann die Refinanzierung über die Bank Natixis sicherstellen. Euler Hermes hätte über den Allianz-Verbund Zugriff auf die Dresdner Bank. Beobachter glauben, dass der Versicherer ins Factoringgeschäft zurückkehren will.

Die Subprime-Krise um zweitklassige amerikanische Hypothekenkredite ist für Coface kein Thema. „Das beeinflusst unser Geschäft nicht“, sagte Claire. Die Gesellschaft sieht keinen Anlass, die Kriterien für die Übernahme von Verträgen zu verschärfen. „Wir haben schon seit Langem gesehen, dass das Risiko hoch ist.“

Zitat:

„Wir sammeln zurzeit erste Erfahrungen“ – Benoît Claire, Coface –

Bild(er):

Einen neuen Markt im Blick: Coface-Deutschlandchef Benoît Claire – FTD/Frank Seifert

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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