Assekuranz kämpft für Mischsystem

Versicherungswirtschaft plädiert für private und staatliche Deckung · Berlin zögert · Industrie kauft wenig Policen

VON Herbert Fromme, Köln Die Bundesregierung lässt sich Zeit. Eigentlich wollte Finanzminister Peer Steinbrück bis Ende September entscheiden, ob der Bund seine Unterstützung des Kölner Terrorspezialversicherers Extremus fortsetzt. Jetzt heißt es aus dem Ministerium, im Oktober werde Steinbrück „ohne Zeitdruck“ entscheiden. Lehnt er die Staatsdeckung ab, wird Extremus den Geschäftsbetrieb einstellen müssen, erwartet Vorstandsmitglied Dirk Harbrücker. Er und sein Kollege Leo Zagel geben sich aber optimistisch. „Wir sind fest davon überzeugt, dass die Regierung verlängert“, sagte Zagel.

Bei der Mischung aus privater Versicherung und staatlicher Rückdeckung scheinen die Fronten verkehrt. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) lässt eigentlich keine Gelegenheit aus, gegen zu viel Einmischung des Staates zu Felde zu ziehen und auf privatwirtschaftlichen Lösungen zu bestehen. Aber hier ruft der GDV zusammen mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie nach Staatsintervention. Der SPD-Finanzminister dagegen verweist auf die globalen Märkte.

Der Grund: Es sind vor allem die Versicherer, die mit dem Terrorrisiko ein Problem haben. In den meisten Jahren spielt es in den Schadenstatistiken keine Rolle. 2006 etwa registrierte die Assekuranz weltweit elf durch Terror verursachte Großschäden, die zu 425 Todesopfern und 69 Mio. $ versicherten Schäden führten. Das sind 0,4 Prozent der gesamten versicherten Großschäden, die sich nach einer Analyse des weltgrößten Rückversicherers Swiss Re auf 15,9 Mrd. $ beliefen und aus 349 Großschäden mit 31 071 Todesopfern stammten. Terrorschäden wären ökonomisch kein Problem für die Assekuranz, wenn sie denn einigermaßen präzise abschätzbar wären – wie etwa der Durchschnitt aller Autounfälle oder die Belastung durch Sturmschäden. Aber genau das sind sie nicht. Deshalb löste der Terrorangriff vom 11. September 2001 bei der Versicherungswirtschaft einen Schock aus. Der Anschlag kostete 2982 Menschenleben und verursachte einen Versicherungsschaden von 21,38 Mrd. $, umgerechnet in Preise von 2006. Binnen weniger Tage kündigten Versicherer in der ganzen Welt ihre Policen für Hochhäuser, Industrieanlagen und andere Großrisiken und boten Kunden neue Verträge an – in denen das Terrorrisiko ausgeschlossen war. Ihre Sorge: Der Angriff auf das World Trade Center könnte nur die erste einer ganzen Reihe von Attacken sein.

Den einen Schaden konnte das Versicherungssystem aushalten, bei mehreren wären viele Gesellschaften pleitegegangen. Der Ausschluss der Terrordeckung aber führt zu einem großen Problem für die Versicherer. Sie haben in dem Schutzschirm, den sie ihren Kunden vorgeblich bieten, ein großes Loch. Das sorgt für Ärger – vor allem im Schadenfall. Deshalb drang die Versicherungswirtschaft auch in Deutschland auf die Einführung einer Staatsdeckung. Im Gegenzug erklärte sie sich bereit, in ihrer normalen Gebäudeversicherung Terrorschäden bis zu 25 Mio. Euro mitzudecken.

Extremus übernimmt höhere Risiken. Auch diese trägt das Unternehmen – das einer Reihe deutscher Versicherer gehört – nicht selbst. Bis zu 2 Mrd. Euro decken deutsche und internationale Gesellschaften die Risiken als Rückversicherer. Sollten Terroranschläge mehr als 2 Mrd. Euro pro Jahr an Schäden anrichten, trägt der Bund sie bis zur Gesamthöhe von 10 Mrd. Euro. Dafür erhält er 2007 eine Prämie von 7,7 Mio. Euro, dazu Versicherungsteuer von 10,6 Mio. Euro.

Im Finanzministerium sieht man die Sache skeptisch. Bei dem geringen Terrorrisiko, dem Deutschland ausgesetzt sei, werde die private Wirtschaft schon Wege finden, um mit dem Problem fertig zu werden, argumentierten Spitzenbeamte. Die Assekuranz bestreitet, dass private Terrordeckungen alles versichern könnten. Im Schadenfall seien sie schnell verschwunden.

Die Unterstützung für Extremus durch die deutsche Wirtschaft bleibt verhalten. Gerade mal 61 Mio. Euro an Prämie erwartet der Versicherer für 2007, leicht unter den 63 Mio. Euro des Vorjahrs. Von den 1130 Verträgen stammen 655 von Immobilienfirmen – weil sie ohne Terrorversicherung von den Banken keine Finanzierung erhalten. „Die Molkerei auf dem flachen Land sieht sich nicht als Terrorziel“, beklagte ein Großmakler. Weltkonzerne bemängeln, dass Extremus nur Risiken in Deutschland versichert. Sie kaufen deshalb Schutz auf dem internationalen Markt. Für andere, etwa die Versorger, ist die Versicherung uninteressant, weil chemische Attacken ausgeschlossen sind. Für einen Wasserlieferanten ist das aber eines der größten Risiken.

www.ftd.de/terror

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Staatsgarantie für Terrorpolicen

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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