Branche sucht Staatshilfe bei Terrordeckung

Rückversicherer fürchtenGefahrenhäufungen

Von Herbert Fromme Terrorrisiken sorgen in den Chefetagen der meisten Rückversicherer für Unbehagen. Einerseits bedeuten sie mehr Geschäft und damit auch Gewinnchancen. Andererseits treffen die Besonderheiten von Anschlagsgefahren in erster Linie die Rückversicherer.

Sie decken Erstversicherer, die wiederum mit Endkunden Geschäfte machen. Aber selten weiß der Rückversicherer genau, mit welchen Kunden und für welche Risiken diese Verträge bestehen. Zum Beispiel: Ein Rückversicherer deckt fünf Erstversicherer ab. Der Grundgedanke dabei ist, dass sich die Risiken ausgleichen. Versichert werden alle Terrorschäden über 1 Mio. Euro. Ohne dass der Rückversicherer das weiß, decken diese Erstversicherer unabhängig voneinander benachbarte Bürotürme ab. Zündet ein Terrorist eine Autobombe und beschädigt mehrere Gebäude, zahlt der Rückversicherer einen viel größeren Schaden als erwartet.

Dieses sogenannte Kumulrisiko ist ein wichtiger Grund dafür, dass Swiss Re und Münchener Rück sich für Mischsysteme aus privater Versicherung bis zu einer definierten Grenze und darüber hinausgehender staatlicher Deckung einsetzen – in Deutschland durch die Spezialgesellschaft Extremus. Sie sorgt für eine penible Kumulkontrolle und dafür, dass innerhalb eines bestimmten Radius Gebäude nur mit Werten versichert werden, die zusammen die zur Verfügung stehende Gesamtkapazität der Versicherer nicht überschreiten.

„Wenn es solche Systeme nicht gibt, stehen wir nicht als Alternative zur Verfügung“, sagte Münchener-Rück-Vorstand Torsten Jeworrek, als er für die Verlängerung der staatlichen Deckung für Größtschäden eintrat. Auch die Fortsetzung des US-Systems unter dem Gesetz „Terrorism Risk Insurance Act“ liegt ihm am Herzen.

Swiss Re für Zwangsdeckung

Weltmarktführer Swiss Re geht noch weiter. Die Gesellschaft hält eine allgemeine verpflichtende Terrorversicherung auch in Deutschland für richtig. „Es gibt gute Erfahrungen in Frankreich oder Spanien“, sagte Vorstand Michel Liès. „Wenn man das Problem lösen will, muss es ein Element der Zwangsverpflichtung geben.“ Das könne über einen Zuschlag auf alle Industrie- und Gewerbepolicen geregelt werden.

Nach dem 11. September 2001 haben die meisten Versicherer Verträge mit Industrie und Gebäudewirtschaft sofort gekündigt und Alternativen angeboten, die Terrorrisiken aus der Versicherungsdeckung ausdrücklich ausschlossen. In zähen Verhandlungen mit der Bundesregierung besorgten sich die Versicherer dann die Unterstützung Berlins für den Spezialversicherer Extremus. Bei Gesamtschäden bis 2 Mrd. Euro zahlen die Versicherer und ihre Rückversicherer, Schäden oberhalb 2 Mrd. Euro bis zur Höchstgrenze von 10 Mrd. Euro übernimmt die Bundesregierung.

Allerdings hat das System Mängel. So gilt die Staatsdeckung nur für Risiken in Deutschland. Internationale Konzerne besorgen sich deshalb Deckungen auf dem internationalen Markt, die weltweit gelten. Londoner Versicherer, Bermuda-Gesellschaften und einige Rückversicherer – unter ihnen Warren Buffetts Berkshire Re – scheuen das Risiko nicht.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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