Die Quadratur des Kreises

Rückversicherung ist ein langfristiges Geschäft, sie verträgt sich schlecht mit kurzfristigen Anlegerinteressen. Gegen die aktuelle Flaute hat die Branche kaum KonzepteVon Herbert Fromme

Ab Sonntag treffen sich Rückversicherer und ihre Kunden zum jährlichen Verhandlungsmarathon in Baden-Baden. In Einzelverhandlungen handeln sie dort im Halbstundenrhythmus Verträge für das Jahr 2008 aus. Die Einkäufer der Versicherungswirtschaft können auf deutlich günstigere Preise hoffen, die Rückversicherer müssen nach sieben Jahren Preissteigerungen nachgeben. Der Wind hat sich gedreht – und stellt die Vorstände der großen Rückversicherer vor eine schier unlösbare Aufgabe. Sie müssen die langfristige Natur ihres Geschäfts mit den kurzfristigen Anforderungen des Kapitalmarkts unter einen Hut bringen.

Die Assekuranz gehört zu den viel gescholtenen Branchen. Mit manchem undurchsichtigem Angebot hat sie sich ein solides Misstrauen in der Bevölkerung erarbeitet. Ihre Bedeutung für die Volkswirtschaften ist aber ungeheuer. Kaum jemand würde den Bau eines Büroturms finanzieren, wenn der nicht gegen Feuer und Sturm versichert wäre. Keine Bank oder Leasinggesellschaft würde Autokäufern für unversicherte Neuwagen Kredit gewähren.

Hebelwirkung für die Volkswirtschaft

Weltweit hat die Assekuranz 2006 gigantische 3723 Mrd. $ eingenommen. Gemessen daran sind die Beitragseinnahmen der Rückversicherer klein, Schätzungen reichen von 140 Mrd. $ bis 200 Mrd. $. Aber die Bedeutung ist gewaltig. Das Versicherungssystem muss enorme Schäden verkraften. Hurrikan „Katrina“ kostete die Assekuranz 66 Mrd. $. Dafür brauchen die Versicherer, die mit Hausbesitzern oder Autohaltern Verträge machen, die Rückversicherer. Sonst wären sie bei einem Großschaden leicht bankrott.

Seit 2000 sind die Preise für Rückdeckungen Jahr für Jahr gestiegen. Der Einbruch der Kapitalmärkte sorgte dafür, dass Rückversicherer nicht mehr mit dem Ausgleich hoher Schäden durch Aktiengewinne kalkulieren konnten. Das Unterbieten der Konkurrenz sogar unter den Selbstkostenpreis in der Hoffnung, durch Kapitalmarkterträge die Verluste mehr als wettzumachen, war wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Dazu kam die Furcht vor Großschäden, angeheizt durch den Anschlag auf das World Trade Center und die Zunahme der Belastungen durch Orkane. Die Ergebnisse für die Branche beeindrucken. Die Münchener Rück erzielte 2006 den Rekordgewinn von 3,5 Mrd.Euro. 2003 war das Unternehmen noch in den roten Zahlen. Rivale Swiss Re kam 2006 auf 2,7 Mrd. Euro.

Solche Erfolge locken frisches Kapital in die Branche. US-Investoren stellten Milliarden als Kapital für Neugründungen im steuergünstigen Bermuda oder in der Schweiz zur Verfügung. Entsprechend heftiger wird die Konkurrenz. Nicht allein die Bermuda-Anbieter greifen die traditionellen Rückversicherer wie Münchener Rück, Swiss Re oder Hannover Rück an. Auch die Investmentbanken entdecken das Geschäft. Sie verbriefen Risiken und geben sie in den Kapitalmarkt. Noch führt hier die Swiss Re. Aber Goldman Sachs ist ihr eng auf den Fersen.

Das vermehrte Angebot stößt auf einen Markt, der kleiner wird. Auch die Erstversicherer, die Kunden der Rückversicherer, haben in den vergangenen Jahren bombig verdient. Sie sind gut mit Eigenkapital ausgestattet und brauchen inzwischen weniger Rückversicherungsschutz. Fusionen innerhalb der Assekuranz führen zu einer weiteren Reduktion des Bedarfs. „Wir haben die gesamte Rückversicherung in Paris konzentriert, das ist sehr viel billiger als früher, als einzelne Landesgesellschaften Rückdeckung kauften“, so Axa-Chef Henri de Castries.

Noch haben die großen Rückversicherer keine überzeugenden Rezepte dafür gefunden, wie sie mit der Niedrigpreisphase fertig werden wollen. Ihre Aktienkurse entwickeln sich deutlich schlechter als der Dax, Anleger misstrauen der Branche und haben frühere Verluste nicht vergessen. Die Anleger mögen auch keine Gesellschaften, die nicht wachsen. Ein Rückversicherer kann aber in einem Markt mit fallenden Preisen kaum zulegen, will er nicht sinkende Gewinne hinnehmen. Zugleich machen die Ratingagenturen Druck und verlangen, dass die Gesellschaften nicht jede Preissenkung mitmachen.

Strategisches Dilemma

Die Münchener Rück kauft sich in der Not einen Strauß von Firmen im Erstversicherungsbereich zusammen und argumentiert damit, dass sie dort ihr Know-how über Risiken sinnvoll einsetzen kann. Da wird die Übernahme eines Nischenversicherers für Billighäuser und Schneemobile in den USA als wirksames Rezept des „Zyklus-Managements“ in der Rückversicherung gefeiert. Die Swiss Re baut ihre führende Stellung in der Verbriefung aus und tut so, als seien die Verpackung von Risiken und ihre Weitergabe künftig genauso wichtig wie ihre Übernahme.

Die entscheidende Frage aber bleibt unbeantwortet: Sind die Marktführer bereit, 10, 15 oder 20 Prozent ihres Volumens aufzugeben, wenn sie nicht mehr die gewünschten Preise bekommen? Oder folgen sie schließlich doch dem Trend, um ihre Marktanteile nicht zu ruinieren? Die Erfahrung vergangener Rückversicherungszyklen spricht für den zweiten Weg. Dann haben die Vorstände ein neues Problem. Sie müssen den Strategieschwenk Analysten und Anlegern erklären.

E-MAIL fromme.herbert@ftd.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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