Scheu vor amerikanischen Pharmarisiken

Assekuranz prüft Haftpflichtverträge für Medikamente extrem genau. Auf dem Weltmarkt gibt es wenig Versicherungskapazität

Von Anja Krüger Wohl in keiner anderen Sparte ringen die Partner so intensiv miteinander wie in der Pharmahaftpflichtversicherung. Erstversicherer müssen auf Druck der Rückversicherer Risiken extrem gut prüfen. Rückversicherer begründen die strikten Vorgaben damit, dass nur so Arzneimittel trotz des enormen Schadenpotenzials versicherbar bleiben. Die Industriekunden aber sind verärgert. Sie glauben, die Anbieter wollen statt eines angemessenen Gefahrenausgleichs nur die guten Risiken.

Pharmahaftpflicht gilt als schwieriges Geschäft. „Weltweit ist weniger Kapazität vorhanden als in anderen Sparten“, sagt Garlef Godefroy, Mitglied der Geschäftsführung beim Rückversicherungsmakler Aon Re. Die Versicherer fürchten Großschäden. Medikamente wie Vioxx und Lipobay führten nach unerwünschten Wirkungen zu Ansprüchen von Geschädigten in dreistelliger Millionenhöhe. Als Folge verschärften die Versicherer die Bedingungen drastisch. Nach dem Ausbleiben weiterer Großschäden hat sich die Lage ein wenig entspannt, sagt Godefroy. „Die Preise sind stabil oder gefallen.“ In der Erstversicherung sinken sie stark.

Doch vor allem für Hersteller, die in den USA Medikamente vertreiben, ist Deckung weiterhin schwer zu bekommen. Die Manager der Assekuranz schrecken die hohen Schadensersatzzahlungen, die Patienten oder Hinterbliebenen nach dem Auftreten unerwünschter Wirkungen von Gerichten zugesprochen werden können. Erstversicherer mit US-Haftpflichtrisiken haben Schwierigkeiten, einen Rückversicherer zu finden. Die zum Talanx-Konzern gehörende Hannover Rück zum Beispiel will dieses Geschäft nicht. „Wenn überhaupt, zeichnen wir US-amerikanische Pharmarisiken sehr selektiv und restriktiv“, sagt Sprecherin Gabriele Handrick.

Generell prüfen spezielle Experten der Gesellschaft Pharmarisiken extrem gründlich. Darüber hinaus verlangt das Unternehmen von jedem Erstversicherer, dass auch er eine sehr genaue Risikoanalyse vornimmt. Genügt die Analyse den Ansprüchen nicht, arbeitet die Hannover Rück auf diesem Feld nicht mit dem Erstversicherer zusammen.

Der ebenfalls zu Talanx gehörende Industrieversicherer HDI-Gerling, einer der größten Pharmahaftpflichtanbieter, erfasst Medikamente in sechs nach Risiken gestaffelten Kategorien. Manche Wirkstoffgruppen versichert er gar nicht. Konkurrenten gehen ähnlich vor, weil Rückversicherer sie dazu zwingen.

Versicherungseinkäufer der Pharmaindustrie kritisieren dieses Vorgehen scharf. Aus ihrer Sicht pickt sich die Assekuranz nur gute Risiken heraus – statt einen Risikoausgleich zwischen geringen und großen Gefahren herzustellen. Haben die Firmen Schwierigkeiten, Versicherungsschutz zu einem vertretbaren Preis zu bekommen, müssen sie einen großen Imageschaden fürchten, wenn das bekannt wird. Denn Konsumenten könnten glauben, dass die Arzneimittel des Herstellers gefährlich sind. Aus diesem Grund fürchten Versicherungseinkäufer, öffentlich mit dem Thema in Zusammenhang gebracht zu werden. Immer mehr große Arzneimittelhersteller suchen nach Alternativen. Sie organisieren ihren Versicherungsschutz selbst und gründen dafür eigene Tochtergesellschaften.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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