Sinkflugoder Absturz

Die Rückversicherer müssen sich auf fallende Preise und schlechtere Vertragsbedingungen einstellen. Nach acht Jahren Preissteigerungen haben noch nicht alle ein Rezept für den Umgang mit dem schwächeren Markt dsfgsd fs

VON Herbert Fromme Die Kasinoverwaltung in Baden-Baden müsste vor Neid erblassen. In dieser Woche werden in dem süddeutschen Kurort mit leicht dekadentem Neureichencharme Milliardendeals ausgehandelt, von denen viele Elemente von Zockerei haben. Aber das Kasino sieht wenig davon, kaum einer der Beteiligten wird seine Zeit an den Spieltischen verbringen.

In Baden-Baden treffen sich jährlich Ende Oktober mehr als 1000 Versicherer, Rückversicherer, Makler und Einkäufer der Großindustrie zum Vertragspoker. Es gibt keine Tagesordnung, keinen Veranstalter, keine Redner. Stattdessen treffen sich viele Herren und wenige Damen im Halbstundenrhythmus in den Lobbys der Luxushotels und ziehen sich an einen der zahlreichen kleinen Tische in Konferenzräumen und Ballsälen zurück. Dort geht es zur Sache: Der Versicherer aus Deutschland, Frankreich oder Russland sucht eine Deckung für Katastrophenschäden über 50 Mio. Euro, der Rückversicherer aus Zürich, Bermuda oder München bietet einen Preis, man verhandelt, verweist auf schadenfreie oder schadenträchtige Vorjahre, streitet und einigt sich schließlich.

Viele Einkäufer kommen mit der begründeten Hoffnung nach Baden-Baden, 2008 deutlich weniger für ihren Rückversicherungsschutz zu zahlen. Der Markt hat sich gedreht – nach fetten Jahren, in denen die Rückversicherer nicht nur alte Verluste ausgleichen konnten, sondern auch ihre Aktionäre mit Rekordgewinnen verwöhnten.

Rückversicherer sind die Versicherer der Versicherer. Generali oder Württembergische decken die Risiken von Endkunden ab, Swiss Re, Scor, Münchener Rück oder Hannover Rück sichern die Versicherer gegen Großschäden und gleichen dabei Risiken global aus. Die Rückversicherung spielt eine zentrale Rolle für die Assekuranz, ist aber vergleichsweise klein. Weltweit erzielten Versicherer 2006 die stolze Summe von 3723 Mrd. $ an Prämieneinnahmen. Die Rückversicherer kamen nach unterschiedlichen Schätzungen auf 140 Mrd. $ bis 200 Mrd. $.

„Acht Jahre sind die Preise gestiegen“, sagt Hannover-Rück-Chef Wilhelm Zeller. Jetzt rechnet er wie die meisten seiner Kollegen mit einem Rückgang. Der Versicherungs- und Rückversicherungszyklus macht sich bemerkbar. Entscheidend für die Branche wird sein, wie scharf der Ausschlag nach unten ist.

Einfach wird es nicht, das Ruder schon bald wieder herumzureißen. Das Geschäftsmodell der Branche ist unter Druck. Die Erstversicherer haben in den vergangenen Jahren bombig verdient, die Kapitalbasis deutlich gestärkt und brauchen weniger Rückdeckung. Dazu kommen Fusionen. Große Versicherungskonzerne können Risiken intern ausgleichen.

Der zweite Angriff: Die Verbriefung von Versicherungsrisiken im Kapitalmarkt wächst rasch – auf Kosten der traditionellen Rückversicherung. Das gilt für Katastrophendeckungen, aber nicht nur. Hier machen Investmentbanken den Rückversicherern Konkurrenz.

Die traditionellen Anbieter haben noch ein weiteres Problem. Neue Gesellschaften aus Bermuda und der Schweiz greifen bestehende Kundenstämme an.

Die großen Anbieter bleiben jedenfalls nach außen gelassen. Sie wollen unter der Niedrigpreisphase durchtauchen – beim Preis etwas nachgeben, aber nicht zu weit, und Wachstumsfelder ausbauen, die entfernter sind vom Preiszyklus. Das ist vor allem das direkte Geschäft mit den Endkunden aus Industrie und Gewerbe. Weltmarktführer Swiss Re und Rivale Münchener Rück bauen diese Geschäftsfelder rapide aus.

Die Münchener Rück will ihr Know-how über Risiken noch besser nutzen und künftig auch Unternehmensrisiken – beispielsweise Unterbrechungen in Lieferketten – übernehmen, die bisher als nicht versicherbar galten. Mit solchen Initiativen außerhalb des Kerngeschäfts, so hofft Konzernchef Nikolaus von Bomhard, können die Aktienmärkte davon überzeugt werden, dass der Konzern trotz des Preisdrucks ein Wachstumsmodell hat.

Die Hannover Rück erwartet in den Verhandlungen einen deutlich heftigeren Konkurrenzkampf, auch durch Münchener Rück und Swiss Re, die öffentlich Zurückhaltung geloben. „Dabei geht es vor allem um die Kraftfahrtrückversicherung“, sagt Vorstand Michael Pickel.

Geht die Preiskurve tatsächlich steil nach unten, könnte das die Konsolidierung in der Branche beschleunigen. Einiges ist schon passiert. So hat die französische Scor gerade den Schweizer Konkurrenten Converium gekauft, 2006 übernahm Swiss Re GE Insurance Solutions.

Im Moment scheint der Übernahmeappetit aber gezügelt zu sein. Außer zwei kleineren Transaktionen zwischen Bermuda-Gesellschaften und Londoner Firmen gibt es keine Anzeichen für Zukäufe. Im Gegenteil: Münchener Rück und Swiss Re wollen Aktionären Milliardenbeträge durch Aktienrückkäufe zurückgeben. Offenbar glauben die Vorstände nicht daran, das Geld sinnvoll in ihrer eigenen Branche nutzen zu können.

Zitat:

„Acht Jahre sind die Preise gestiegen“ – Wilhelm Zeller, Hannover Rück –

Bild(er):

In Mittelengland verursachten sturzbachartige Regenfälle am 22. Juli dieses Jahres die schwerste Flutkatastrophe seit 60 Jahren in Großbritannien und führten zu einem Verkehrschaos. Auf dem Campingplatz in Tewkesbury gab es keinen Schutz vor den bedrohlichen Wassermassen. Wohnmobile und Autos waren in Windeseile davon eingeschlossen – Reuters/Stephen Hird

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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