Die Zukunft liegt auf der Straße

Die großen Versicherungskonzerne suchen Wachstumschancen in der Altersvorsorge, in Osteuropa und Asien. Ihr Schicksal entscheidet sich aber in der deutschen Autoversicherungvon Herbert Fromme

Rund vier Millionen Autofahrer wechseln jedes Jahr den Versicherer. Dazu kommen zwischen zehn und elf Millionen Neu- und Gebrauchtwagenzulassungen. 15 Millionen Mal stehen Fahrzeughalter vor der Entscheidung, wo sie ihr Auto versichern sollen.

Wer sich durch das Angebot eines Internetversicherers klickt, bei einem Direktanbieter anruft oder einen Makler oder Vertreter fragt, kann leicht einige Hundert Euro sparen. Bei den meisten Gesellschaften endet die Kündigungsfrist für einen Wechsel zum 1. Januar 2008 am 30. November, in elf Tagen. Die Schlacht ist voll im Gange.

Im laufenden Jahr investieren die Versicherer besonders kräftig, um Kunden zu gewinnen. Fernsehspots und Anzeigen künden von günstigen Angeboten. Für die Unternehmen steht viel auf dem Spiel, die Konkurrenz hat sich spürbar verschärft: Für 2007 rechnet die Branche mit Beiträgen von 20,8 Mrd. Euro, das sind 1,8 Prozent weniger als im Vorjahr – obwohl die Zahl der Fahrzeuge gestiegen ist.

Für die Versicherer geht es aber um mehr als nur um nackte Zahlen: Im Wettbewerb um die Autofahrer geht es um ihre Zukunft. Denn das Fundament der deutschen Assekuranz ist die Kfz-Versicherung.

Angriff auf die Marktführer

Marktführer ist mit 17 Prozent der Bruttoprämien die Allianz, gefolgt von der HUK-Coburg mit knapp zwölf Prozent. Auf Rang drei folgt die genossenschaftliche R+V mit sieben Prozent. Mit sechs Prozent liegt die AMB Generali auf Platz vier, dann folgen Axa, VHV und die LVM-Gruppe. Die Allianz wächst nur leicht, HUK-Coburg und R+V holen langsam auf. Deutlich verloren hat AMB Generali.

Die Marktführer beharken sich also kräftig. Aber inzwischen müssen sie sich mehr und mehr mit Angreifern auseinandersetzen, die vergleichsweise neu auf dem Markt sind. Vor allem die Direktversicherer rüsten auf. Sie verkaufen per Internet, Telefon oder Brief, haben keine eigenen Vertreter und nutzen nur selten Makler. Die britische Admiral ist mithilfe der Münchener Rück angetreten, die Zurich Gruppe kommt mit dem paneuropäischen Anbieter Zurich Connect, zusätzlich zum erfolgreich arbeitenden Direktanbieter DA Versicherung und einem neuen Gemeinschaftsunternehmen mit dem ADAC.

Noch wichtiger als die Internetanbieter ist der Vorstoß der Autohersteller, meistens in Kooperation mit einem etablierten Anbieter. Jeder dritte VW-Neuwagen wird beim Verkauf versichert, insgesamt beläuft sich der VW-Bestand auf 1,1 Millionen Fahrzeuge. Versicherer ist die Allianz.

Auf den ersten Blick verblüfft der scharfe Wettbewerb. Denn die Preise fallen seit Jahren und liegen inzwischen unter denen von 1998. Zwar gehen die Schäden ebenfalls zurück, und der Aufwand pro Schaden stieg nur leicht an. Dennoch meldet der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft für 2007 wieder einen sogenannten technischen Verlust. Pro Prämien-Euro müsse die Assekuranz 1,01 Euro für Schäden, Verwaltungs- und Vertriebskosten zahlen, so der Spitzenverband. Damit dürfte die Kfz-Versicherung „erstmals seit dem Jahr 2002 wieder in die Verlustzone geraten“.

Diese Lobbyistenklage sollte niemand ernst nehmen. Denn in der „Verlustzone“ lebt es sich ganz komfortabel. Das sogenannte technische Ergebnis ist gerade in der Autoversicherung fast ohne Aussagekraft. Das spezifisch deutsche System erlaubt den Versicherern, gewaltige Schadenreserven aufzubauen, mit denen sie ebenso gewaltige Kapitalerträge erzielen. Die Hannover-Rück-Tochter E+S hat nachgerechnet: Die Schadenreserven lagen 1999 bei 92,1 Mrd. Euro, 2005 bei 121,2 Mrd. Euro. Neuere Zahlen gibt es nicht. Die Zinserträge beliefen sich 1999 auf 6,9 Mrd.Euro und 2005 auf 7,3 Mrd. Euro. Ein Teil davon floss wieder in die Schadenreserven, aber 3,0 Mrd.Euro beziehungsweise 3,1 Mrd. Euro gingen in die Gewinn- und Verlustrechnung der Versicherer. Das waren 20,6 Prozent oder 17,6 Prozent der Prämien.

Gewinn trotz hohem Aufwand

Die Konsequenz: Selbst nach Abzug von Kapitalkosten können die Autoversicherer im Marktschnitt mit einer Schaden- und-Kosten-Quote von 110 Prozent oder sogar 114 Prozent betriebswirtschaftlich noch Gewinn machen. Wer heute um die 95 Prozent liegt wie einige der Marktführer, verdient glänzend, auch der Marktschnitt von 101 Prozent ist auskömmlich. Kein Wunder, dass neue Anbieter ein Stück des Kuchens haben wollen und die großen Gesellschaften ihre Anteile mit Zähnen und Klauen verteidigen.

In Wirklichkeit ist die Autoversicherung immer noch eine der wichtigsten Gewinnquellen der Assekuranz. In den vergangenen Jahrzehnten haben die deutschen Autofahrer Konzernen wie Allianz oder Talanx die internationale Expansion ermöglicht.

Trotz aller Beteuerungen, wie wichtig und lukrativ die Altersvorsorge ist, wie nötig und gewinnträchtig die Präsenz in den boomenden Märkten Osteuropas, Indiens und Chinas: Wohl und Wehe der großen Versicherer entscheiden sich in den Straßen von Berlin-Moabit oder Köln-Nippes. Wer dort dauerhaft Marktanteile verliert, bekommt das in seinen Gewinnen zu spüren. Mit einigen Jahren Verzögerung, dann aber umso deutlicher.

E-Mail fromme.herbert@ftd.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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