Altgedient und abserviert

Die Münchener Rück strafft die Führungsstruktur ihrer Tochter Ergo-Konzern. Dafür exhumiert sie einen kleinen, aber feinen Skandal aus dem Jahr 1999, mit dessen Hilfe sie sich zweier Vorstandsmitglieder entledigt

Herbert Fromme Einmal ist er entkommen. Doch jetzt wurde er geschasst: Michael Rosenberg, heute 55 Jahre alt, damals Vorstandsvorsitzender der Ergo-Tochter Victoria Lebensversicherung und Mitglied des Ergo-Vorstands. Nicht wegen der 4,1 Mrd. Euro, die der Düsseldorfer Ergo-Konzern im Geschäftsjahr 2002 an den Börsen versenkte und woran Rosenberg maßgeblichen Anteil hatte. So hoch waren die Abschreibungen auf Aktienanlagen, die vor allem die Lebensversicherer des Konzerns vornehmen mussten – deutlich mehr als die Konkurrenz.

Rosenberg überlebte die beispiellose Wertvernichtung, die vor allem zulasten der Kunden ging. Die Chefs der Muttergesellschaft Münchener Rück waren vorsichtig mit Kritik. Aus gutem Grund: Zu einem bedeutenden Anteil hatten die schlecht verlaufenden Aktien der HypoVereinsbank (HVB) im Portefeuille der Victoria für die Verluste gesorgt – die aber hatte die Münchner Muttergesellschaft der Düsseldorfer Tochter untergeschoben. Rosenberg musste 2004 zwar die Verantwortung für die Lebensversicherung abgeben, wurde aber Chef der gesamten Schaden- und Unfallversicherung bei Deutschlands zweitgrößtem Versicherer.

Jetzt gräbt der Konzern einen acht Jahre alten Skandal aus, um Rosenbergs überstürzten Abgang zu rechtfertigen. Nach 22 Jahren bei dem Unternehmen, davon 19 Jahre als Vorstand, wurde er buchstäblich vor die Tür gesetzt. Erstaunlich, angesichts der Summe von rund 2,4 Mio. DM, die der Skandal den Konzern bislang gekostet hat – Kleingeld für das Milliardenunternehmen. Rosenberg geht nicht allein. Auch Personalvorstand Michael Thiemermann soll seinen Posten räumen. „Thiemermann ist das Bauernopfer“, sagt ein Konzerninsider. Der Vorstand sitzt immer noch an seinem Schreibtisch im Ergo-Turm und soll erst am 20. Dezember die Schlüssel abgeben.

Vor acht Jahren packte den unternehmerisch denkenden Rosenberg das Telefonfieber, so wie manchen Manager in Deutschland. Doch konnte die Victoria nicht direkt als private Telefongesellschaft an dem erwarteten Boom partizipieren. Den Versicherern sind versicherungsfremde Tätigkeiten gesetzlich verboten. Rosenberg fand einen Partner mit Erfahrungen in der Telefonbranche: Martin Otten gehörte die Global Communications, eine auf den Weiterverkauf von Telefondienstleistungen spezialisierte kleine Firma. Sie arbeitete auch mit der HVB zusammen und erbrachte für deren Kreditkartenkunden Telefondienstleistungen, die den Einsatz der Eurocard als Telefonkarte ermöglichten. Die HVB ist Ergo-Vertriebspartner für Versicherungen.

Die Victoria Versicherung gab der Global Communications Liquiditätshilfe in Höhe von 4,83 Mio. DM. Schon acht Wochen später beschloss Rosenberg, aus dem Geschäft wieder auszusteigen. Otten fand den US-Käufer Startec Global Communications. Um Steuervorteile beim Verkauf mitzunehmen, wurden die Dokumente Ende 1999 mit heißer Nadel gestrickt. Die Unternehmensprüfung (Due Diligence) fand erst im Folgejahr statt, der Kaufpreis für 100 Prozent der GmbH-Anteile auf 3,34 Mio. DMEuro reduziert. Nach Kostenabzug erhielt die Victoria 2,4 Mio. DM zurück.

Die fehlenden 2,4 Mio. DM waren aber nicht der einzige Schaden. Denn das Verhältnis zwischen der Ergo und dem langjährigen Partner HVB – der exklusiv Victoria-Policen verkauft – wurden erheblich beschädigt. Die HVB zahlte für die Versicherungen rund um ihre Kreditkarten rund 1 Mio. Euro pro Jahr. „Eingepreist war unter anderem auch eine Vermittlerprovision“, beschwerte sich die Konzernrevision in einem vertraulichen Prüfbericht vom 29. März 2006 an HVB-Vorstand Wolfgang Sprißler. Weil die Victoria Kooperationspartner der HVB war, durfte es eigentlich keine Provision geben.

„Seit 1998 zahlte die Victoria jährlich rund 200 000 Euro an Herrn Otten. Die Zahlungen erfolgen für dessen vermeintliche „Vermittlung“ des Kooperationspartners HVB und als „Zuschuss“ für die Erbringung der Telefonfunktion für die HVB“, schrieben die Revisoren. Daraus sei es zu einem Mehraufwand von 1,4 Mio. Euro seit 1998 gekommen. Die Ergo-Prüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC) sehen das anders: Sie haben keine Provisionsflüsse an Otten finden können, wohl aber an die Schweizer Firma IC Interglobe.

Aber das waren nicht alle Beschwerden der HVB. Unabhängig davon seien die Versicherungsprämien der Ergo völlig überhöht gewesen – Fachleute der Victoria widersprechen hier: „Sie waren damals marktgerecht.“ Die von Global Communications erbrachte Telefonfunktion für Kreditkartenbesitzer sei „völlig unzureichend“ gewesen, so der Revisionsbericht. Trotzdem habe die HVB für die Jahre 1998 bis 2000 rund 500 000 Euro dafür gezahlt. Die Summe floss an die Ergo-Tochter Interassistance, die das Geld an Global Communications weiterleitete. Den Beweis für die Fehlerhaftigkeit der Telefonfunktion konnte die HVB auch in laufenden Gerichtsverfahren noch nicht erbringen. Von rund 250 000 HVB-Kreditkartenkunden beschwerten sich nur 130 über Fehlfunktionen.

Fazit der Revisoren: Die Victoria-Manager hätten sich für die Geschäftsbeziehung mit Otten stark gemacht und damit der Bank Schaden zugefügt. Die HVB-Revisoren warfen Otten die Fälschung von Dokumenten vor. 2006 erstattete die Bank Strafanzeige.

„Die Staatsanwaltschaft München hat das Verfahren eingestellt“, sagt Otten. „Die HVB hätte nichts lieber gehabt, als mir nur im Ansatz einen Vorwurf belegen zu können. “ Die Bank habe aber „null belegen“ können. „Der HVB-Prüfungsbericht ist ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht.“ Ottens Ex-Firma Cardware verklagt die Bank und Ergo. Daneben gibt es die Klage einer Schweizer Firma, die Forderungen der Global Communications aufgekauft hat. Die strittige Gesamtsumme beläuft sich auf 1,9 Mio. Euro.

Eigentlich hatten Ergo und HVB die unrühmliche Affäre mit einem Vergleich abschließen wollen. Sie boten vor einigen Monaten 0,5 Mio. Euro. Die Kläger akzeptierten – aber am letzten möglichen Tag, dem 9. November, ließen Ergo und HVB den selbst vorgeschlagenen Vergleich platzen. Der Grund: Der sich abzeichnende Abgang Rosenbergs bei Ergo habe „eine neue Lage geschaffen“, heißt es bei der HVB.

Zitat:

„Der HVB-Prüfungsbericht ist ein Märchen“ – Telefonunternehmer Martin Otten –

Bild(er):

Der Versicherer Ergo wollte 1999 in das Telefongeschäft einsteigen. Das ging schief. Jetzt wird der Skandal ausgegraben

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Die deutsche Assekuranz

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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