Industrieversicherern droht Minus

Naturgefahren können ab 2008 Verluste bringen · Interview mit FM-Global-Chef Shivan Subramaniam

Von Herbert Fromme und Friederike Krieger, Köln Der Versicherungsbranche droht eine massive Verschlechterung der zurzeit exzellenten Ergebnisse aus der Industrieversicherung. Das sei der Fall, wenn die Belastung durch Naturgefahren wieder auf durchschnittliches Niveau steige, sagte Shivan Subramaniam, Chef des US-Industrieversicherers FM Global, im FTD-Interview. „2006 war das beste Jahr für die Industrieversicherer seit mehr als 50 Jahren, und 2007 wird nach heutigem Stand ähnlich gut“, sagte er. „Wenn wir aber 2008 auch nur das normale Maß an Naturkatastrophenschäden erreichen, also nicht einmal außergewöhnliche Schäden, verlieren alle Geld.“

Die Rekordgewinne beruhten vor allem auf Glück. „Wir erleben seit Anfang 2006 deutlich weniger Naturkatastrophen als im langjährigen Durchschnitt“, sagte Subramaniam. Dazu kommen gute Ergebnisse aus dem Aktienmarkt. „Als Folge sehen wir zahlreiche Preisreduzierungen und zusätzliche Kapazität, die in den Markt strömt“, sagte der Unternehmenschef.

Ein Ende der Glückssträhne werde auch den Preisverfall beenden, erwartet Subramaniam. „Dann werden die Preise vielleicht nicht sofort nach oben gehen, aber sie werden nicht mehr sinken.“

FM steht für Factory Mutual, einen Versicherungsverein ohne Aktionäre, bei dem die Mitglieder die Eigner sind. Zu den Großkunden in Deutschland zählen Continental, EADS, SGL Carbon und Hugo Boss. Die Prämieneinnahmen von Verträgen mit 65 deutschen Kunden belaufen sich auf 120 Mio. Euro. Mit deutschem Geschäft, das andere FM-Unternehmen zeichnen, sind es sogar rund 200 Mio. Euro.

Weltweit rechnet Subramaniam mit Prämien von 4,8 Mrd. $ für 2007, ein Anstieg um rund fünf Prozent. Für 2008 sagte er wegen des zurzeit herrschenden Preisdrucks stagnierende Einnahmen voraus. Die Kunden, die gleichzeitig Mitglieder sind, erhalten gerade eine Ausschüttung von 380 Mio. $ aus dem hervorragenden Ergebnis des Vorjahres. 2006 verdiente FM nach Steuern 737 Mio. $, nach 635 Mio. $ im Jahr 2005.

Der aus Südindien stammende US-Bürger ist ausgebildeter Ingenieur – wie viele seiner Kollegen. FM Global hat die Schadenverhütung durch eine ausführliche Risikoanalyse zu seinem Programm gemacht. Das von FM Global kreierte Schlagwort vom „HP-Risk“ ist zum synonym geworden für technisch hervorragend gesicherte („highly protected“) Anlagen, etwa durch Sprinklersysteme und andere Feuerschutzmaßnahmen. „Kunden kommen in erster Linie zu FM Global wegen der Expertise, die wir im Bereich Risikomanagement haben, um Schäden und damit Betriebsunterbrechungen von vornherein vermeiden zu können“, sagte er.

Inzwischen haben fast alle großen Industrieversicherer eigene Ingenieurabteilungen. „Vor dieser Herausforderung stehen wir immer“, sagte Subramaniam. „Wir müssen ständig über die Schulter sehen, wer hinter uns her ist.“ Als Hauptkonkurrenten sieht er AIG, Allianz, Zurich Financial, XL und Ace, „manchmal auch Axa“.

An der Rolle als Mitversicherer in Konsortien unter der Führung einer anderen Gesellschaft ist FM nicht interessiert. „Wir sind gute Versicherer, weil wir gute Ingenieure sind“, sagte er. „Wenn wir einfach nur Kapazität geben, liefern wir keinen Wert.“ Einen Vorsprung habe das Unternehmen mit Spezialdeckungen, die Betriebsunterbrechungen durch Probleme in der Lieferkette abdecken. „Wenn ein Kunde nicht produzieren kann, weil ein Zulieferer wegen eines versicherten Schadens nicht liefert, dann zahlen wir den Ausfall“, sagte er. Die Tatsache, dass FM Global nur Sachversicherungen und keine Haftpflichtdeckungen anbietet, sei kein Nachteil. „Unser Geschäftsmodell des Risikoschutzes wird sehr stark nachgefragt.“

Vorwürfe der Konkurrenz, FM Global habe es schwer, globale Programme aufzustellen, will Subramaniam nicht gelten lassen. „Wir können alle Dienstleistungen überall erbringen. Wenn eine deutsche Firma ein Werk in China versichert und die Besichtigungsberichte in Mandarin sein müssen, können wir das, weil wir 28 Ingenieure haben, die Mandarin sprechen“, sagte er.

Mit einem Schadenaufwand von 53 Prozent der Prämie und Kosten von 22 Prozent – zusammen 75 Prozent – steht FM Global besser da als viele Konkurrenten. In Deutschland liegt der Wert bei 85 Prozent, auch das reicht noch für einen ordentlichen Gewinn. „Aber das kann mit ein, zwei Großschäden schnell verdampfen“, warnte Deutschland-Chef Achim Hillgraf.

Kritisch sieht Konzernchef Subramaniam die Versuche des Großmaklers Marsh und anderer Makler, von Versicherern eine Zusatzprovision von 2,5 Prozent der Prämie zu verlangen. „Da ist man schnell auf einer sehr abschüssigen Bahn“, sagte er. „Wir kommen da leicht in eine Situation wie vor fünf Jahren.“ Damals hatten Sonderprovisionen durch Versicherer an Makler zu Behördenermittlungen und hohen Strafen geführt. „Wir haben diese Sonderprovisionen nie gezahlt“, sagte er. Auch die 2,5 Prozent werde FM Global „definitiv nicht zahlen“.

Bild(er):

Der aus Südindien stammende US-Bürger Shivan Subramaniam, 57, führt FM Global – Modusphoto / Jardai

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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