Wachsende Unsicherheit

Jahrzehntelang war die Lebensversicherung der Wachstumstreiber der Assekuranz. Jetzt stagniert das Geschäft – trotz großzügiger staatlicher Förderung

VON Herbert Fromme Das haben die deutschen Lebensversicherer seit Jahrzehnten nicht erlebt. 2007 stagnierten ihre Beitragseinnahmen nach Schätzungen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bei 78,1 Mrd. Euro. Im Vorjahr meldete die Branche noch 78,3 Mrd. Euro und einen Zuwachs von 4,1 Prozent. Die Zahl der abgesetzten Verträge sank von acht Millionen 2006 auf 7,9 Millionen 2007 – trotz staatlicher Hilfe in Form von Riester- und Rürup-Zuschüssen für Kunden. 2,4 Millionen Riester-Policen wurden 2007 verkauft, im Vorjahr waren es zwei Millionen. Dazu kommen 350 000 Rürup-Renten, die offiziell Basis-Renten heißen, doppelt so viel wie 2006.

Für 2008 prognostiziert GDV-Präsident Bernhard Schareck zwar ein Wachstum von rund zwei Prozent bei den Prämieneinnahmen. „Die Anpassung der Beiträge zu Riesterverträgen wird sich positiv auswirken“, sagt Schareck. 2008 tritt die letzte Förderstufe bei der Riester-Rente in Kraft, nur wer seine Beiträge entsprechend anhebt, erhält auch die höhere Förderung. Schareck ist dennoch unzufrieden. „Gerade in der Altersvorsorge müsste es deutlich mehr sein“, sagt er. Die Sparquote in Deutschland sei nicht zu niedrig. „Aber vielfach wird zu kurzfristig und nicht zweckgebunden fürs Alter gespart.“

Die Branche durchlebt den fundamentalsten Umbruchprozess ihrer Geschichte. Sie muss mit einem neuen rechtlichen Rahmen fertig werden, den nicht nur das vollständig revidierte Versicherungsvertragsgesetz und die daraus folgende Informationspflichtenverordnung setzen. Auch die von der EU vorgeschriebenen Eigenkapitalanforderungen ändern sich, das Stichwort dafür ist Solvency II. Seit 2007 gelten neue Regeln für Versicherungsvermittler. Außerdem braucht die Branche moderne, wettbewerbsfähige Angebote.

Der Umbruch geht nicht ohne Schmerzen vor sich. Jahrzehntelang war die Lebensversicherung in Deutschland in erster Linie ein steuerbegünstigtes Sparangebot. Kleine monatliche Beiträge reichten aus, und wer zu den rund 50 Prozent der Kunden gehörte, die den Vertrag zwölf Jahre durchhielten, konnte sich über einen steuerfreien Ertrag freuen. Die Policen waren zugleich wichtig für die Verkäufer der Assekuranz. Nur die hohen Provisionen hielten die Vertriebe bei Laune.

Die Folge: Zahlreiche Bundesbürger besitzen mehrere Verträge, oft mit kleinen Summen. 80 Millionen Einwohner hielten Ende 2007 insgesamt 93,8 Millionen Lebensversicherungsverträge, davon knapp 65 Millionen Kapitallebensversicherungen. Doch die Zahl der Verträge sinkt. Die Assekuranz kann nicht genug absetzen, um die Abgänge auszugleichen. Und eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Die Politik fördert die Lebensversicherer mit Milliarden für Zuschüsse, mit Steuervorteilen und mit offizieller Fürsprache von Regierung und Opposition. Gleichzeitig verschärft Berlin die Bedingungen für den Verkauf. So müssen Versicherungsvermittler, gleich ob Mitarbeiter nur einer Gesellschaft oder als Makler tätig, ab Juli 2008 ihren Neukunden die in den Vertrag eingerechneten Kosten in Euro und Cent ausweisen. Diskussionen mit den Vermittlern sind bei den hohen Kostensätzen der Branche programmiert. Der Gesetzgeber hat den Versicherern enorme Beratungs- und Informationspflichten auferlegt, die viel kosten. Vermittler verteilen Bücher mit 70 und mehr Seiten. Für den Kunden werden die Verträge aber nicht verständlicher, sagt der Kölner Versicherungsrechtler Theo Langheid. „Das ist ein Informations-Overkill.“

Auch der vom Gesetzgeber geforderte Ausweis der stillen Reserven für jeden Kunden wird weitreichende Auswirkungen haben. Stille Reserven entstehen, wenn der Marktwert eines Wertpapiers höher ist als der Wert, mit dem der Versicherer es in der Bilanz hat. Das Problem: In bestimmten Kapitalmarktsituationen kommt es zu stillen Lasten, beispielsweise wenn die Zinsen steigen und die früher gekauften Anleihen plötzlich einen geringeren Marktwert haben. Das muss noch keinen Verlust bedeuten, die Gesellschaft kann die Papiere bis zur Fälligkeit halten und dann zum Nominalwert verkaufen – ohne Verlust. Aber die Tatsache, dass viele Versicherer ihren Kunden in der Standmitteilung unter „Stille Reserven“ eine glatte Null mitteilen müssen, wird den Vertriebserfolg schmälern.

Auf der Produktseite herrscht wohl die größte Verunsicherung. Die klassische, steuerlich geförderte Einzel-Police verliert drastisch an Bedeutung, auch weil die meisten Steuervorteile weggefallen sind. Fondsgebundene Verträge und Gruppenvereinbarungen innerhalb der betrieblichen Altersversorgung gewinnen. Vor allem die Fondsverträge haben es in sich – denn deutsche Anleger verbinden Lebensversicherung nun einmal mit Sicherheit und Garantien. Deshalb bieten die meisten Gesellschaften heute Fondspolicen mit Kapitalerhaltsgarantie an. Das ist zwar nicht so viel wie die 2,25 Prozent Zins auf den Sparbeitrag, die bei klassischen Policen garantiert werden. Aber dafür hat der Kunde die Möglichkeit, von höheren Gewinnen der Fonds zu profitieren. Hoffnung bringt die kommende Abgeltungssteuer der Branche. Sie gilt für Fonds, aber nicht für fondsgebundene Lebensversicherungen. Ob sich die Versicherer vor allem in der Rolle als Verkäufer und Verpacker für Fonds sehen, ist aber zweifelhaft.

Verbraucherschützern war die Lebensversicherung als Instrument zum Vermögensaufbau schon immer ein Dorn im Auge. Die zahlreichen Neuerungen haben daran nichts geändert. In den Augen der Verbraucherschützer ist die kapitalbildende Lebenversicherung einfach zu teuer – doch für den Kunden ist das kaum zu erkennen. „Der Gesetzgeber hat die Chance verpasst, die Vergleichbarkeit der kapitalbildenden Versicherungen mit anderen Anlageformen herzustellen“, kritisiert Lilo Blunck vom Bund der Versicherten. Sie fordert, dass die Anbieter offenlegen, wie viel Geld sie von der Prämie des Kunden in den Vermögensaufbau stecken und welchen Teil sie für Kosten und Gewinne verwenden. Das würde in der Branche eine Revolution auslösen.

Zitat:

“ „Das ist ein Informations-Overkill“ “ – Theo Langheid, Anwalt für Versicherungsrecht –

Bild(er):

Für die Zeit der Fußballweltmeisterschaft 2006 wird der Schriftzug des Sponsors von der Allianz-Arena entfernt. Die deutschen Lebensversicherer hängen genauso in der Schwebe wie der Anfangsbuchstabe des Marktführers – Argum/Falk Heller

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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