Wo Forschung viel bewegt

Nirgendwo in der EU fließt prozentual mehr Geld in Forschung und Entwicklung als in Braunschweig. Ein Schwerpunkt ist die Verkehrstechnik

VON Friederike Krieger Die Zeit vergeht oft viel zu schnell. Wer sich daran stört, muss sich in Braunschweig beschweren. Denn dort wird die Zeit gemacht, genauer in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB). Das Institut in der niedersächsischen Stadt verfügt über mehrere Atomuhren, mit denen es die Uhrzeit sehr genau ermitteln kann. Die PTB sendet die Daten an Bahnhofsuhren, Funkwecker und Industrieunternehmen in ganz Deutschland. Die Mitarbeiter des Instituts basteln bereits an einer neuen Generation Uhren, die noch exakter ticken sollen.

Nicht nur im PTB tüfteln Braunschweiger an Innovationen. „Die Forschungsdichte in der Stadt ist sehr hoch“, sagt Jochen Hotop von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Braunschweig. Laut einer aktuellen Untersuchung der EU ist Braunschweig die forschungsintensivste Region Europas. Die Stadt, in der knapp eine Viertelmillion Menschen leben, gibt 8,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aus. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft kürte Braunschweig zur „Stadt der Wissenschaft 2007“. Zu verdanken hat die Stadt diesen guten Ruf unter anderen den dort ansässigen 16 Forschungsinstituten, die in mannigfaltigen Gebieten tätig sind.

So arbeitet das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung an neuen Antibiotika und Impfstoffen, während das Julius Kühn-Institut nach Alternativen für Pflanzenschutzmittel sucht. Hinzu kommen noch zahlreiche Institute der Technischen Universität. Auch Wirtschaftsunternehmen haben die Stadt als Standort für ihre Entwicklungsabteilungen gewählt, zum Beispiel der Chiphersteller Intel. Die Niederlassung in Braunschweig ist Intels größtes Chipentwicklungszentrum in Europa.

„Eine der entscheidenden Qualitäten des Standorts ist die enge Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft“, sagt Joachim Roth, Wirtschaftsdezernent der Stadt. Das glaubt auch Peter Priebe, Sprecher des örtlichen Siemens-Werks. Besonders wichtig für das Unternehmen sei die Zusammenarbeit mit dem Institut für Eisenbahnwesen und Verkehrssicherung der Technischen Universität. Siemens entwickelt und baut Überwachungs- und Steuerungssysteme für Züge in Braunschweig. Auch die Betriebsleittechnik für den Transrapid stammt aus dem Werk.

Mit seinem Schwerpunkt Verkehrstechnik ist Siemens nicht allein. Größter Arbeitgeber ist der Automobilhersteller Volkswagen mit rund 6400 Mitarbeitern. Zahlreiche Firmen, Behörden und Institute, die sich mit dem Thema Luftfahrt beschäftigen, haben sich in der Nähe des Flughafens angesiedelt.

Die Stadt kann aber nicht nur High-Tech-Firmen, sondern auch Traditionsunternehmen vorweisen. Fast jedes zweite deutsche Klavier stammt von den Braunschweiger Klavierbauern Schimmel und Grotrian-Steinweg. Und seit 125 Jahren gibt der in der Stadt ansässige Westermann Verlag ein Standardwerk heraus, an dem noch kein Schulkind vorbeigekommen ist: den Diercke Weltatlas.

Der Wirtschaftspolitik der Stadt stellen die örtlichen Unternehmen gute Noten aus. In dem Städteranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft lobten über 70 Prozent der befragten Firmen die Wirtschaftsfreundlichkeit Braunschweigs.

Helmut Jäger möchte das so nicht unterschreiben. Er ist Geschäftsführer der Firma Solvis, die Solarheizkessel und Sonnenkollektoren herstellt. „In vielen Kommunen gibt es Förderprogramme für Neubauten, damit sie mit Solarenergie ausgestattet werden – in Braunschweig gibt es diese Programme nicht“, sagt Jäger. Trotzdem läuft das Geschäft so gut, dass er bis 2010 100 weitere Mitarbeiter einstellen und 10 Mio. Euro in den Ausbau der Fabrik investieren will.

Auch andere Braunschweiger Unternehmen expandieren kräftig. Die Nachfrage nach Industrie- und Gewerbefläche habe deutlich zugenommen, sagt Wirtschaftsdezernent Roth. „Insbesondere bei Industrieflächen wird mittel- bis langfristig eine Verknappung zu verzeichnen sein“, erwartet er. Braunschweig stehe wegen seiner eng gezogenen Stadtgrenzen schlechter da als andere Kommunen. Nachbarstädte wie Wolfsburg und Salzgitter hätten weit mehr Platz und so bessere Möglichkeiten, Neuansiedler zu gewinnen.

Mit solchem Konkurrenzdenken soll es bald vorbei sein, wenn es nach dem Willen von Braunschweigs Oberbürgermeister Gert Hoffmann geht. Er hat vorgeschlagen, die drei Städte Braunschweig, Wolfsburg und Salzgitter mit den Landkreisen Wolfenbüttel, Gifhorn, Helmstedt, Peine und Goslar zu einer umfassenden „Region Braunschweig“ zu fusionieren – mit eigenem Parlament und eigener Verwaltung. „Derzeit werden viele Energien und Ressourcen für Konkurrenz beziehungsweise Vermeidung einer solchen verwendet und verbraucht“, sagt Hoffmann. Die Gebietsreform soll dafür sorgen, dass die Region mit einer Stimme spricht und so wettbewerbsfähiger gegenüber anderen deutschen und europäischen Ballungsräumen wird.

„Die lokale Wirtschaft verfolgt das Vorhaben sehr aufmerksam“, sagt IHK-Sprecher Hotop. Die Firmen hoffen auf eine leistungsstärkere Verwaltung, die mit schnellen Entscheidungen glänzt.

Zitat:

“ „Die Forschungsdichte in der Stadt ist sehr hoch“ “ – Jochen Hotop, IHK –

Bild(er):

Die zwei goldenen Quadriga-Pferde standen 2007 auf dem Braunschweiger Schlossplatz vor dem Happy Rizzi House. Künftig sollen sie das nachgebaute Schloss zieren – picture-alliance/dpa/Jochen Lübke

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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